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Friedrich Schneider – Schwarzarbeit besser bekämpfen

18. Januar 2007

Deutschlands Regierungen haben die Schattenwirtschaft in den vergangenen Jahren abgebaut – der Erfolg ist allerdings zweifelhaft. Es gäbe bessere Wege, dem Problem beizukommen.

Wie wackelig die Erfolge sind, zeigt sich bereits dieses Jahr. Nach unseren jüngsten Schätzungen wird die Schattenwirtschaft in Deutschland erstmals seit drei Jahren wieder steigen – voraussichtlich um etwa 3,5 Mrd. € oder um ein Prozent auf 349 Mrd. €. Damit steigt sie allerdings immer noch langsamer als das offizielle Bruttoinlandsprodukt. Der Anteil dürfte 14,7 Prozent des BIP erreichen, so niedrig war er zuletzt vor zehn Jahren. Die offizielle Wirtschaft wird nach den aktuellen Prognosen mit nominal knapp 3 Prozent stärker wachsen als die Schattenwirtschaft.  Zum Vergleich: Der Anteil der Schattenwirtschaft lag 2003 noch bei 17,1 Prozent des BIP und 2006 bei 15,0 Prozent.

Gemessen in Mrd. Euro wächst die Schattenwirtschaft in Deutschland  2007, weil die Steuer- und Abgabenbelastung in einzelnen Bereichen steigt. Als Hauptschuldige haben wir die Mehrwertsteuererhöhung, die Einführung der „Reichensteuer“ und die Anhebung der Versicherungsbeiträge bei den gewerblichen Mini-Jobs von 25 auf 30 Prozent ausgemacht. Mitschuldig sind aber auch die höheren Krankenversicherungs- und Rentenbeitragssätze.

Wirtschafts- und gesellschaftspolitisch sollte die Schwarzarbeit bekämpft werden. Allerdings ist dieser Kampf nur dann segensreich, wenn es gelingt aus Schwarzarbeitern sozialversicherungspflichtig Beschäftigte zu machen. Entstehen zum Beispiel lediglich mehr Mini- oder Midi-Jobs, bedeutet dies zwar einen Teilerfolg, der sich aber als „Fluch“ für die Sozialkassen auswirken kann.

Strengere Strafen – wie sie in Deutschland seit August 2004 gelten –  sind wenig vielsprechend. Dafür ist die Schwarzarbeit zu sehr ein Massenphänomen. Die wenigsten Deutschen haben ein Unrechtsbewusstsein, wenn sie schwarz arbeiten (oder lassen). Mehr als zwei Drittel der Befragten betrachten Schwarzarbeit als Kavaliersdelikt.

Die Politik sollte daher stärker an den Ursachen der Schattenwirtschaft ansetzen. Nachgedacht werden könnte in Deutschland darüber, die Mehrwertsteuer auf arbeitsintensive Leistungen befristet rückzuvergüten (sog. Luxemburger Modell), um so einen Anreiz zu schaffen, diese Leistungen verstärkt in der offiziellen Wirtschaft nachzufragen. Europäische Nachbarländer mit hohen Mehrwertsteuersätzen haben in den EU-Gremien durchgesetzt, dass sie bestimmte arbeitsintensive Dienstleistungen zumindest mit dem ermäßigten Mehrwertsteuersatz befristet belegen dürfen. Bei diesen Maßnahmen kommt es sicherlich zu Steuerausfällen, wenn es aber gelingt, damit einen Teil (25-33%) der bisher schwarz erbrachten Leistungen in die offizielle Wirtschaft zu überführen, würden die Steuerverluste teilweise wieder ausgeglichen. Dieser Vorschlag könnte auf bestimmte Bereiche, z. B. Altbausanierung oder im Gaststätten- oder Tourismusgewerbe, eingeführt werden, also in Branchen, die besonders von der hohen Abgabenlast betroffen sind.

Sinnvoll im Kampf gegen die Schwarzarbeit wäre auch die Abschaffung der Reichensteuer und die Senkung der Versicherungsbeiträge für Mini-Jobs, die den größten Ausfall für die Sozialkassen darstellen.  

Die Schattenwirtschaft kann aber auch ein Segen sein. Wenn ich davon ausgehe, dass zwei Drittel der „schwarz“ produzierten Güter und Dienstleistungen in der offiziellen Wirtschaft gar nicht erstellt würden, dann führt eine steigende Schattenwirtschaft zu einer höheren Wertschöpfung.

Friedrich Schneider ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Johannes Kepler Universität Linz 

Die Studie in Langfassung finden Sie hier

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