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Jonathan Schmidt/Howard Davies – Die Flut und die Seenot

23. Januar 2007

Die Globalisierung wird heute nicht mehr grundsätzlich infrage gestellt. Aber die Frage nach ihren Gewinnern und Verlierern ist auch in den Industrieländern brennender denn je.Noch vor ein paar Jahren haben Globalisierungsgegner einen WTO-Gipfel in Seattle erheblich gestört und eine Protestwelle gegen die Institutionen losgetreten, die als für die Globalisierung „verantwortlich“ angesehen wurden. Zu dieser Zeit konzentrierten sich die meisten Demonstrationen auf das vermeintliche Nord-Süd-Gefälle der Volkswirtschaften. Es wurde davon ausgegangen, dass westliche Konzerne in den Genuss eines unverhältnismäßigen Anteils der Vorteile der Globalisierung kamen.2007 ist eine derartige Störung unwahrscheinlicher geworden. Und Frontalangriffe auf die Globalisierung scheinen nur noch schleierhafte Erinnerung zu sein.Die relative Ruhe auf den Straßen bedeutet nicht, dass alle Meinungsverschiedenheiten ausgeräumt sind – sie haben sich nur verändert. Während die meisten vielleicht akzeptieren, dass der Trend zur Verzahnung der großen Volkswirtschaften wohl nicht umgekehrt wird, konzentriert man sich verstärkt auf die Frage nach Gewinnern und Verlierern. Die Theorie der komparativen Vorteile lehrt uns, dass die Globalisierung langfristig zu einer Nettosteigerung des Wohlstands führen dürfte. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass mit dieser eintretenden Flut alle Schiffe gleichzeitig oder gleich stark angehoben werden. Einige könnten in Seenot geraten. Tatsächlich steht das am Donnerstag beginnende Weltwirtschaftsforum in Davos unter dem Thema „Die Verschiebung des Kräftegleichgewichts“. Die Teilnehmer werden versuchen, die verschiedenen Wege zu verstehen, wie Macht in unserem weltweiten, immer enger verzahnten politischen System übertragen und neu verteilt wird.Eine Dimension dieser Debatte ist die Geografie. In den kommenden Jahrzehnten könnte es zu einem massiven Wohlstandstransfer von den westlichen Industrienationen vor allem in die rasch aufstrebenden Länder Süd- und Ostasiens kommen. Dieses Argument wird am lautesten in den Ländern vorgebracht, die der ehemalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld als das „alte Europa“ bezeichnete. Das überrascht ein wenig, da aus jüngsten Zahlen hervorgeht, dass die Europäische Union während des vergangenen Jahrzehnts ihren Anteil am Welthandel tatsächlich gehalten hat. Nimmt man die Durchschnittswerte für die Jahre 1998 bis 2003 gegenüber dem vorigen Fünfjahreszeitraum, so hat die EU bei Waren ihren Anteil am Welthandel von 15,4 Prozent auf 15,5 Prozent leicht gesteigert. Der Anteil der USA dagegen ging von 12,8 Prozent auf 12,0 Prozent zurück. Der große Gewinner war China mit einer Zunahme von 2,8 Prozent auf 4,4 Prozent, größter Verlierer war Japan. Und bei den Dienstleistungen hat Europa sich mehr als nur wacker geschlagen.Die vielleicht größere Frage, eine mit zunehmender politischer Resonanz, betrifft die Gewinner und Verlierer innerhalb der Länder. Es wird immer deutlicher, dass die Entlohnung aus der Globalisierung sehr ungleich ist. Am deutlichsten wird dies in den USA, wo die Einkommen in den vergangenen fünf Jahren im Durchschnitt real nur um 1,4 Prozent jährlich gestiegen sind – das entspricht nur der Hälfte der Rate des Produktivitätswachstums. Nur für die obersten zehn Prozent der Einkommensbezieher wuchs die Entlohnung rascher als die Produktivität. Dabei konnten die Finanzelite an der Wall Street und Spitzenmanager in Großkonzernen einen besonders dramatischen Gehaltszuwachs verzeichnen. Mittlere und niedrigere Einkommen stagnierten.Britische Gewerkschaften machen diesen Punkt besonders drastisch deutlich: Sie sagen, dass ein Durchschnittsangestellter für jede 100 £ im Jahr 2000 heute 106 £ verdient. Die Gehälter von Vorstandsmitgliedern dagegen haben sich während desselben Zeitraums verdoppelt.Wie sehen die Folgen dieser Veränderungen aus? Es ist schwer vorstellbar, dass sie in demokratischen Gesellschaften unbemerkt bleiben. Wir können bereits jetzt erste Reaktionen feststellen. So sind in Spanien und Italien Koalitionen linker Parteien an der Macht. In Frankreich entwickelt die sozialistische Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal die Thematik; in Großbritannien hoffen viele, dass Gordon Brown den Forderungen der Gewerkschaften offener gegenübersteht als Tony Blair. Und natürlich haben wir in Lateinamerika eine ganze Welle von Wahlerfolgen populistischer Kandidaten erlebt, während bei der bevorstehenden Präsidentschaftswahl in den USA Handel und Wirtschaftsthemen voraussichtlich eine entscheidende Rolle spielen werden.Die Verteilung der Dividende aus der Globalisierung könnte in den nächsten Jahren zum wichtigsten Punkt auf der Tagesordnung der westlichen Demokratien werden. Man wird zunehmend auf Protektion und Steuern mit Strafcharakter dringen. Es ist der Eindruck entstanden, dass Globalisierer den Sorgen derer, die im Niedriglohnwettbewerb auf der Verliererseite stehen, bisher nicht sensibel genug begegnet sind. Herausgekommen ist nicht viel mehr als die Beteuerung, dass kein Weg zurück führt. Ausgewähltere und ausgeklügeltere Mittel zur Entschädigung und Neuausstattung der Opfer des verstärkten Wettbewerbs sind schon bald nötig, wenn ein Abrutschen in den nationalen Protektionismus verhindert werden soll. Jonathan Schmidt ist Head of Global Agenda beim Weltwirtschaftsforum und verantwortlich für das Programm des Jahrestreffens in Davos.Howard Davies ist Direktor der London School of Economics. Er war zuvor u. a. Chef der britischen Finanzaufsicht FSA, stellvertretender Gouverneur der Bank of England und Generaldirektor des britischen Arbeitgeberverbands CBI.

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