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Die Rechnung bitte!

24. Januar 2007

In den USA gehen die Wogen hoch im Streit über die Kosten des Irak-Krieges. Was kostet er tatsächlich?

Wieder einmal hat Präsident Bush den US-Kongress zu überzeugen versucht, dass zusätzliche Truppen im Irak den Krieg zu einem schnellen Ende bringen könnten. Die Kongressmitglieder sehen sich allerdings gern als Schatzmeister der Nation. Deshalb flackert in diesen Tagen in den USA die Diskussion über die tatsächlichen Kosten des Irak-Krieges wieder auf. Längst überholt sind Zahlen, die zu Beginn des Krieges genannt wurden. Aber auch heute weichen verschiedene Schätzungen weit voneinander ab und zeigen, wie schwierig solche Berechnungen sind. Die Diskussion ist ein Lehrstück des komplizierten Verhältnisses zwischen Politik und ökonomischer Forschung.

Im September 2002 stellte der Haushaltsausschuss des US-Kongresses (CBO) eine Prognose auf. Der Krieg im Irak würde Fixkosten von 14-20 Milliarden Dollar für Mobilisierung und Truppenabzug kosten. Dazu kämen 6-9 Milliarden Dollar pro Monat mit Kampfhandlungen und 1-4 Milliarden Dollar pro Monat militärischer Präsenz.

Rechnen wir das auf den tatsächlichen Kriegesverlauf um: Die Invasion beginnt am 19. März 2003. Am 1. Mai 2003 erklärt Bush „mission accomplished“. Seitdem: Truppenpräsenz… Hätten die CBO-Annahmen gestimmt, wären wir nun auf Grundlage der mittleren Annahmen bei 140 Milliarden Dollar (die Kosten für den Abzug bereits eingerechnet). Vor Kriegsbeginn waren die USA von einem sehr viel kürzeren Krieg ausgegangen und hatten mit weniger als 100 Milliarden Dollar Gesamtkosten gerechnet.

Nun sind es bereits 140 Milliarden. Jedes zusätzliche Jahr Truppenpräsenz würde 30 Milliarden US-Dollar kosten. Bei einer US-Stationierung im Irak bis 2015 – dieser Zeitraum liegt den neuen Schätzungen des CBO zugrunde – käme ein Betrag von 410 Milliarden zusammen – oder 3,28 Prozent des jährlichen US-BIPs.

Weil Ökonomen offiziellen Schätzungen naturgemäß wenig Glauben schenken (es sei denn, sie haben sie selbst verfasst), diskutieren seit geraumer Zeit einige der renommiertesten US-Ökonomen mit der Regierung darüber, wie viel der Irak-Krieg tatsächlich kostet.

Die Resultate sind erstaunlich. Je nach Annahmen kommen die Studien auf ein Vielfaches des CBO-Betrags. Die jetzige Diskussion dreht sich um 1 Billion US-Dollar. Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und die Harvard Ökonomin Linda Bilmes gehen in einer viel diskutierten Studie noch deutlich weiter und errechnen 2 Billionen, oder 16% des jährlichen US-BIPs. Wer mit solch hohen Zahlen nicht viel anfangen kann: 2 Billionen US-Dollar entsprechen ungefähr dem BIP aller afrikanischen Länder zusammen, oder dem BIP Chinas. Deutschlands BIP beträgt ca. 2,2 Billionen Euro. Für die von Stiglitz und Bilmes aufgestellte Gesamtrechnung des Kriegs könnte man jedem der 82 Millionen Deutschen einen Scheck von rund 20.000 Euro schicken.

Wie entstehen diese hohen Zahlen?

Da sind zunächst die direkten militärischen Kosten, die der Stanford-Ökonom Scott Wallsten auf rund 230 Millionen US-Dollar pro Tag schätzt. Der Krieg ist ein gewaltiges logistisches Unterfangen. Je nach Zeitpunkt des US-Truppenabzugs ergeben sich Summen von bis zu 580 Milliarden allein für diese direkten Ausgaben (ausgehend von einer Truppenpräsenz bis 2015). Dazu kommen die Kosten für Verletzungen und Todesfälle, sowie die Opportunitätskosten durch fehlende Arbeitsleistung der Reservisten (immerhin ca. 40 Prozent der im Irak eingesetzten Soldaten).

Stiglitz und Bilmes beziehen auch indirekte Kosten mit ein. Sie berücksichtigen zuerst die zukünftigen Kosten für das Gesundheitssystem. Sie argumentieren dann auch, dass ein Teil der dramatischen Ölpreiserhöhung der vergangenen Jahre auf den Irak-Krieg zurückzuführen ist. Wären nur 5 US-Dollar des Anstiegs durch den Irak-Krieg bedingt, hätte das die US-Wirtschaft 150 Milliarden US-Dollar gekostet. Sie berechnen auch die Opportunitätskosten des Kapitals, das nun in den Krieg fließt: Wären diese Gelder direkt in die US-Wirtschaft geflossen, hätten sie Multiplikatoreneffekte ausgelöst und zusätzliches Wachstum erzeugt.

Schließlich wagen Stiglitz und Bilmes den für viele zynischen Schritt, den Todesfall jedes Soldaten mit einem ökonomischen Preis zu versehen – mit den Kosten für den Ausfall eines Menschenlebens für die Volkswirtschaft. Sie beziehen sich auf Versicherungsberechnungen, die von 6,5 Millionen US-Dollar für einen jungen erwachsenen Mann ausgehen. Es gibt viele ernsthafte Analysen, die diese Summe erklären können. Ich will sie hier nicht bewerten. Allerdings: Bei bisher 3000 toten US-Soldaten ergibt dieser Posten in der Berechnung 19,5 Milliarden US-Dollar. Also gerade einmal 1% der Gesamtsumme von 2 Billionen.

Alle Beträge werden aktualisiert und summieren sich auf die Gesamtkosten von 2 Billionen US-Dollar. Diese Kosten betreffen nur die USA. Weder die Kosten für die alliierten Streitkräfte noch die Folgen für den Irak werden bei Stiglitz und Bilmes berücksichtigt. Scott Wallsten und Katarina Kosec errechnen auch dafür Beträge (inklusive der „gesparten Kosten“ durch weniger Todesfälle im Irak und die überflüssige „Containment“-Politik der USA).

Für viele mag eine solche Zahlenkaskade wenig Relevanz haben. Wenn sich der US-Kongress aber tatsächlich als Schatzmeister der Nation begreift, dann müssen solche Überlegungen eine Rolle spielen. Denn Verluste durch den Krieg sind tatsächliche Verluste. Es sei denn, man glaubt ernsthaft an Gewinne für die USA durch die Schaffung von Frieden und Demokratie im Irak.

Übrigens: Eine ebenfalls viel zitierte Studie, die von Forschern der University of Baltimore durchgeführt wurde und im medizinischen Topjournal „The Lancet“ erschienen ist, beziffert die Anzahl der Kriegstoten im Irak auf 655.000. Würde man hier die Stiglitz-Bilmes-Summe von 6,5 Millionen pro Kopf anlegen käme ein Betrag von 4,2 Billionen US-Dollar zusammen.

 

Henrik Enderlein ist Professor an der Hertie School of Governance in Berlin. Derzeit forscht er als Fulbright-Ehrenprofessor an der Duke University, USA. 

Von Henrik Enderlein

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