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… die Leistungsbilanz

25. Januar 2007

Leistungsbilanz klingt gut, irgendwie nach Leistungsträger und Leistungsgesellschaft. Wessen Leistung ist es eigentlich, wenn ein Land eine positive Leistungsbilanz hat? Ist ein kräftiger Überschuss wirklich ein Ausweis hoher Leistungsfähigkeit? Und warum machen sich manche Ökonomen Sorgen über Deutschland, gerade weil es einen Überschuss in der Leistungsbilanz hat?

 

Ein Land, das viel exportiert, dessen Waren also auf dem Weltmarkt Anklang finden, hat normalerweise einen Überschuss in der Leistungsbilanz. Genauer: Die Leistungsbilanz setzt sich zusammen aus der Handelsbilanz (aus dem Güterhandel), der Dienstleistungsbilanz und der Übertragungsbilanz (aus Transfers ohne Gegenleistungen). Die Handelsbilanz ist dabei normalerweise der weitaus größte Teil. Sind die Exporte also höher als die Importe – wie in Deutschland der Fall – folgt daraus in der Regel auch ein Überschuss in der Leistungsbilanz.

Soweit scheint alles ganz einfach. Doch hat den Begriff nur verstanden, wer begriffen hat, dass der Leistungsbilanzüberschuss immer gleich groß ist wie der Kapitalexport. Wenn ein Land mehr exportiert als importiert, erhält es für die Differenz keine Waren, sondern Ansprüche, also Forderungen gegen den Rest der Welt. Umgekehrt muss ein Defizit in der Leistungsbilanz finanziert werden durch eine Zunahme der Auslandsschulden. Dass Deutschland als Exportweltmeister also auch viel Kapital exportiert, ist ganz logisch. Wer das eine nicht will, muss auch das andere ablehnen.

Zumal es Ländern mit hohem Defizit in der Leistungsbilanz oft gar nicht so schlecht geht, den USA beispielsweise, Rekordhalter im Leistungsbilanzdefizit mit 869,1 Mrd. $. Ein solches Defizit wird von manchen Ökonomen so gedeutet, dass die Amerikaner über ihre Verhältnisse leben. Ein so hohes Defizit gilt zudem als gefährlich, weil es nur finanziert werden kann, wenn es genügend Ausländer gibt, die den Amerikanern Geld zu leihen bereit sind. Schwindet das Vertrauen, könnte es  brenzlig werden und der Dollar drastisch an Wert verlieren.  

Noch aber wird das Defizit der Amerikaner finanziert durch die Überschüsse der anderen – als da sind: China mit 184,2 Mrd. $, Japan mit 167,3 Mrd. $ und Deutschland mit immerhin 120,6 Mrd. $. Deutschlands Leistungsbilanz war übrigens lange Jahre  positiv, wurde 1991 mit der deutschen Einheit tief rot und glich erst 2001 wieder aus, um seither wieder starke Überschüsse aufzuweisen. Das könnte man so deuten, dass wir die Einheit wirtschaftlich inzwischen verkraftet haben.

Sagen Sie beim nächsten  Empfang im Beisein von Volkswirten einfach: Dass die Deutschen so viel Kapital exportierten, das liege daran, dass sie Exportweltmeister sind. Die werden staunen!
 

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