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Gustav Horn – Untaugliches Produktionspotenzial

30. Januar 2007

Das Produktionspotenzial der deutschen Wirtschaft wurde vor wenigen Jahren nach unten revidiert und ist zuletzt angeblich wieder gestiegen. Tatsächlich aber erweist sich das Konzept als zunehmend untauglich.

Es kann nur noch eine Frage von wenigen Wochen sein, dann werden die ersten Experten und Forschungsinstitute einer staunenden Öffentlichkeit mitteilen, dass sich Deutschlands Wachstumspotenzial spürbar auf wahrscheinlich gut 1 ½ erhöht habe. Die Öffentlichkeit hat in der Tat Grund zum Staunen, denn die gleichen Experten haben vor nicht einmal zwei Jahren bedauert mitteilen zu müssen, dass sich das Wachstumspotenzial Deutschlands erneut, damals auf etwa 1 %, vermindert habe.

 Die Experten werden behaupten, es seien die Arbeitsmarktreformen und die Lohnzurückhaltung gewesen, die dies bewirkt hätten. Das Argument wäre schon erstaunlich, denn die Lohnzurückhaltung gibt es schon seit 10 Jahren und die Arbeitsmarktreformen waren 2005 bereits in Kraft. Selbst, wenn die hiervon erwarteten positiven Effekte sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht hätten realisieren können, so hätten beide Phänomene doch die nachhaltigen, sprich inflationsfreien  Wachstumsmöglichkeiten, die durch die Potenzialgröße abgebildet werden sollen, sofort positiv beeinflussen müssen. Schon deshalb ist diese Argumentation nicht haltbar.

 Der wahre Grund für die Revision des Wachstumspotenzials ist ein anderer: Die verwendeten Berechnungsverfahren sind untauglich. Zum einen berücksichtigen die üblicherweise verwendeten Verfahren Erklärungsfaktoren wie Lohnzurückhaltung und Arbeitsmarktreformen überhaupt nicht, sondern sind rein statistischer Natur. Von daher ist es mit den Gesetzen der Logik nicht vereinbar, diese dennoch als Erklärung anzuführen. Zum zweiten sind die Verfahren notorisch unzuverlässig. Dies zeigt ein Vergleich zwischen den Aussagen zum Wachstumspotenzial Deutschlands für ein bestimmtes Jahr von ein und derselben Institution, aber zu verschiedenen Zeitpunkten. So bezifferte der IMF im Jahr 2000 die Produktionslücke für 1999, die sich aus der Differenz zwischen der aktuellen Produktion und dem Produktionspotenzial errechnet, auf knapp -3 %. Das bedeutet, dass das Bruttoinlandsprodukt hätte um knapp 3 % höher sein können, ohne dass es zu inflationären Tendenzen in Deutschland gekommen wäre. Mit anderen Worten der IMF diagnostizierte eine ausgeprägte Schwächephase. Im Jahre 2006 sagt der gleiche IMF über die Produktionslücke des gleichen Jahres, aber veränderter Einschätzung des Wachstumspotenzials,  es hätte sogar eine leichte Überauslastung von 0,1 % bestanden. Demnach hätte sich die Wirtschaft mehr oder minder auf einem optimalen Pfad befunden. Das sind zwei völlig unterschiedliche Bewertungen der gleichen Institution über den gleichen Zeitraum, aber im Abstand von sechs Jahren.

Das ist nicht nur ein akademisches Missgeschick, sondern hat ganz reale Konsequenzen für die Wirtschaftspolitik. Wäre die erste Einschätzung richtig, wären expansive geld- und fiskalpolitische Maßnahmen angemessen gewesen. Wäre die heutige Sichtweise korrekt, so wäre ein neutraler wirtschaftspolitischer Kurs richtig gewesen. Was aber soll die Wirtschaftspolitik mit einer Orientierungsgröße anfangen, die so volatil wie ein Kompass ist, der mal nach Norden und mal nach Süden zeigt?

Das Grundproblem der heute verfügbaren Potenzialschätzungen ist, dass sie im Kern den Wachstumstrend der jeweils vergangenen Jahre wieder spiegeln. Jede Abweichung des aktuellen Wachstums vom Trend, die  in dem einen oder anderen Jahr auftritt, führt unter den gängigen Annahmen nach relativ kurzer Zeit zu einem veränderten Trend, der die ursprüngliche Abweichung im Trend aufgehen lässt. Das ist dann auch die Begründung, warum zu fast allen Zeitpunkten das jeweilige Wachstum als strukturell, weil nahe dem jeweils gültigen Trend, angesiedelt wird und daher kaum jemals Raum für konjunkturpolitische Stabilisierungsmaßnahmen bleibt. Dahinter steht in diesem Fall keine  großartige Theorie, sondern eine simple statistische Annahme.

Als Fazit  bleibt,  dass ein Trend ein Trend ist und kein Potenzial. Die Wirtschaftspolitik sollte sich folglich andere Indikatoren suchen, wenn sie versucht die Grenzen des spannungsfreien Wachstums zu finden. Da bieten sich jene Indikatoren wie die Lohnstückkosten an, die,  wie  bei  der EZB, Teil jeder vernünftigen Inflationsprognose sind. Es ist eben besser auf einen Kompass zu verzichten als auf einen unzuverlässigen  hereinzufallen.   

Die aktuelle Studie zum Produktionspotenzial finden Sie hier.

Gustav Horn ist Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung in Düsseldorf