Startseite > Chefökonom > … Produktionspotenziale

… Produktionspotenziale

30. Januar 2007

Manche Ökonomen werden nervös, wenn die Wirtschaft schneller wächst als das Produktionspotenzial, andere eher, wenn das Wachstum unter Potenzial bleibt. Was steckt dahinter?

Keine Wirtschaft wächst Monat für Monat gleichmäßig und mit gleich hohen Raten. Da gibt es mal witterungsbedingte, mal konjunkturelle Schwankungen – oder sonstige Schocks. Ökonomen versuchen daher seit Jahren herauszufinden, wie hoch das tiefer angelegte Wachstum jenseits all dieser Schwankungen ist: das potenzielle Wachstum also. 

In der Theorie ist die Sache noch einfach: Das Produktionspotenzial einer Volkswirtschaft gibt an, wie hoch die Wirtschaftsleistung angesichts der vorhandenen Ressourcen, der Arbeitskräfte, des Kapitals und deren Produktivität sein könnte, wenn diese Ressourcen voll oder zumindest normal ausgelastet sind. Das  Potenzialwachstum ergibt sich durch die Veränderung der Produktionsfaktoren: vor allem des Kapitalstocks in Form von Investitionen, des Faktors Arbeit in Form von Bevölkerungs- und Beschäftigungszuwachs und nicht zuletzt durch den technischen Fortschritt. Über diese Potenzial hinaus kann eine Wirtschaft höchstens kurzfristig hinausgehen, dann stößt sie an Kapazitätsengpässe.

Das Problem: Wie jedes Potenzial ist auch das Produktionspotenzial nicht direkt zu messen. In der Praxis greifen Ökonomen deshalb auf  recht komplizierte Methoden zurück, die letzten Endes darauf hinaus laufen, den Trend, also die durchschnittliche Wachstumsrate der vergangenen Jahre zu errechnen. Oder sie versuchen, das Potenzial aus der Entwicklung der Produktionsfaktoren abzuleiten, was allerdings ebenfalls am Ende nur über Rückgriff auf vergangene Durchschnitte möglich ist. Jüngere Trendbrüche können dadurch nicht erfasst werden. Was auch erklärt, warum die Berechnungen im Detail unterschiedlich ausfallen und oft revidiert werden, ob von der OECD, der EU-Kommission oder dem deutschen Sachverständigenrat. Die Schätzungen variieren für Deutschland derzeit zwischen Raten von weniger als ein Prozent und mehr als zwei Prozent.

Das Produktionspotenzial ist ohnehin nicht gottgegeben. Ein Großteil der deutschen Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahre zielte vielmehr darauf, das Potenzial zu steigern, etwa indem die Anreize erhöht wurden, Arbeit anzunehmen. Und nach Einschätzung einiger Ökonomen ist dies auch gelungen. Die OECD hat ihre Potenzialschätzung zuletzt von rund ein auf immerhin 1,5 Prozent nach oben revidiert.

Neuere Forschungen von Ökonomen wie dem Harvard-Professor Philippe Aghion stellen übrigens in Zweifel, ob sich in einer Wirtschaft überhaupt so glatt zwischen konjunkturellen Schwankungen und strukturellem Wachstumspotenzial unterscheiden lässt. Vieles spricht demnach dafür, dass sich beides gegenseitig bedingt: bleibt die Konjunktur über Jahre schlecht, wird weniger in Maschinen und Beschäftigte investiert, so dass die Wirtschaft allmählich auch ihre längerfristigen Potenziale verliert.

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: