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Holger Schmieding – Wo bleibt die Inflation?

4. Februar 2007

Der Teuerungsdruck hat in den vergangenen Wochen stärker  nachgelassen als viele glauben. Dank billigeren Öls könnte die Inflation im Euro-Raum 2007 auf ein Rekordtief von nur noch 1,5 Prozent fallen.

Seit Jahren warnt die Europäische Zentralbank vor dräuenden Inflationsgefahren. Bisher ist davon zum Glück noch nicht viel zu sehen. Trotz der größten Mehrwertsteuererhöhung der deutschen Geschichte und eines passablen Konjunkturaufschwungs ist unsere Inflationsrate heute sogar niedriger als vor einem Jahr. Gemessen am EU-einheitlichen Verbraucherpreisindex sind die deutschen Preise im Januar lediglich um 1,8% gegenüber dem Vorjahr gestiegen, nach einer Rate von 2,1% Anfang 2006.

Vor allem das Ende des Ölschocks dämpft den Preisauftrieb. Nach unseren Berechnungen haben die niedrigeren Rohölpreise in den ersten Januarwochen und der Basiseffekt, der sich daraus ergibt, daß der Anstieg der Ölpreise im Januar 2006 aus dem Vorjahresvergleich herausgefallen ist, die Inflationsrate jetzt um mindestens 0,4 Prozentpunkte gedrückt.

Nach vielen Jahren, in denen die EZB ihr Euro-Inflationsziel nur deshalb verpaßt hat, weil der Ölpreis jeweils unerwartet stark gestiegen ist, zeichnet sich für 2007 ein umgekehrter Effekt ab. In ihren Preisprojektionen hat die EZB Anfang Dezember auf der Basis der damaligen Terminkurse einen Rohölpreis von umgerechnet 50,5 Euro pro Faß unterstellt. Bleibt der Preis dagegen beim Durchschnittsniveau der letzten drei Wochen von etwa 42 Euro pro Faß, würde dies die Inflationsrate nach unseren Berechnungen direkt um 0,5 Prozentpunkte mindern. Statt eines Mittelwertes von 2,0 % könnte die EZB dann in ihren neuen Projektionen in März eine Rate um 1,5 % für 2007 vorhersagen.

Die EZB verweist mit Recht darauf, daß niedrigere Ölpreise die Kaufkaft der Bürger stärken und somit die Nachfrage nach anderen Gütern und Dienstleistungen stärken könnten. Deshalb dürfte die Inflationsrate nicht ganz so weit sinken, wie es dem reinen Öleffekt entspricht. Aber nach Jahren, in denen die EZB immer wieder vor möglichen Zweitrundeneffekten der Ölpreisschocks gewarnt hat, wäre es schon recht verwunderlich, wenn die EZB jetzt auf die Linie umschwenken würde, daß auch billigeres Öl die Preisstabilität gefährden und höhere Zinsen rechtfertigen könnte.

Angesichts der befriedigenden Konjunkturlage hat die EZB guten Grund, ihre Zinsen auf ein neutrales Niveau von etwa 4 % anzuheben. Allerdings geben die aktuellen Inflationsrisiken der EZB noch keinen Anlaß, weit über dieses Ziel hinauszuschießen. Ob die EZB irgendwann wirklich auf die Bremse treten muß, liegt vor allem bei den Tarifpartnern. Lohnabschlüsse um drei Prozent, versüßt durch Einmalzahlungen in konjunkturell starken Branchen, lassen sich vermutlich gerade noch verschmerzen. Aber lineare Anhebungen um die 4% quer durch die Eurozone könnten die Aussichten merklich trüben, wobei im scharfen internationalen Standortwettbewerb allerdings die negativen Folgen vermutlich noch mehr in einer gebremsten Arbeitsmarktdynamik als in deutlich höheren Inflationsraten zum Ausdruck käme.

Holger Schmieding ist Chefvolkswirt für Europa bei der Bank of America

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