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… Carry-Trades

6. Februar 2007

Wenn Finanzexperten über akute globale Risiken reden, fällt derzeit meist auch der magische Begriff der Carry-Trades. Was das ist, hat FTD-Finanzkolumnist Lucas Zeise heute wunderbar erklärt.

Carry-Trade ist im Banker-Englisch nichts weiter als das Basisgeschäft der Kreditinstitute. Es lautet: billig Kredit zu nehmen und teuer Kredit zu geben. Meist betreibt die Bank das Geschäft, indem sie kurzfristige Einlagen hereinnimmt, das Geld auf der nach oben geneigten Zinsstrukturkurve weiterträgt ("carry") und es langfristig ausleiht. Im aktuellen Fall wird der Kredit aus Japan in den Rest der Welt getragen – und zwar nicht nur von Banken, sondern von allen, die ein bisschen Spielgeld übrig haben. Dazu gehören Versicherungen, Pensionsfonds, sonstige Vermögensverwalter, Hedge-Fonds und in zunehmendem Maße auch Privatleute, die sich bei der Sparkasse einen Yen-Kredit geben lassen. Denn der ist wundersam billig.

Der Notenbankzins in Japan beträgt Anfang Februar 2007 0,25 Prozent, bei uns 3,5 Prozent. Zweijährige Staatsanleihen rentieren in Japan mit 0,75 Prozent, in Deutschland mit 3,9 Prozent.

Selbst wenn Gebühren anfallen, mehr als drei Prozentpunkte Unterschied lohnen sich allemal. So werden mit einem japanischen Kredit amerikanische Aktien und türkische Bonds bezahlt. Mit diesem billigen Kredit finanzieren Private-Equity-Fonds ihre Unternehmenskäufe, und es kaufen Hedge-Fonds und Versicherungen die vor- und nachrangigen Schulden der gekauften Unternehmen. Das ist für alle zunächst von Vorteil, niemand verliert. Die Finanzwelt erhält immer wieder neuen Schwung.

Ein Risiko allerdings lauert im Hintergrund: Wenn der in Yen aufgenommene Kredit fällig wird, könnte ein gestiegener Yen das Geschäft weniger lohnend oder sogar zum Verlustbringer machen. Umgekehrt garantiert ein gefallener Yen eine Zusatzrendite. Für die Carry-Trader ist es deshalb erfreulich zu wissen, dass jedes neue derartige Geschäft ein zusätzliches Yen-Angebot auf den Devisenmärkten schafft und so die japanische Währung schwächt. Wird das Geschäft zurückabgewickelt, erhöht sich umgekehrt die Nachfrage nach Yen. Die Yen-Schwäche ist somit auch ein Zeichen dafür, dass mehr Carry-Trades eingegangen als abgewickelt werden. Die Carry-Trader tragen also selbst zur Yen-Schwäche bei, aus der sie den meisten Nutzen ziehen.

Umgekehrt besteht die Gefahr, dass sie den Yen plötzlich nach oben jagen – dann nämlich, wenn sie gleichzeitig versuchen, ihre Yen-Kredite zurückzuzahlen, weil sie befürchten, dass jeder Tag bei einem steigenden Yen für sie extrem teuer wird. Dieses Szenario ist nicht aus der Luft gegriffen, es führte bereits im Herbst 1998 zur Panik. Der Yen schoss innerhalb von drei Tagen um 18 Prozent hoch. Das war eine der entscheidenden Ursachen für das Zusammenklappen des Hedge-Fonds LTCM.

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