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Die Kolumne – Es darf auch wieder mehr sein

8. Februar 2007

Wenn es um den richtigen Lohnzuwachs geht, pendeln die Ratschläge in Deutschland zwischen kruden Maso-Lehren und absolutem Yippie-Kaufkraftglauben. Dabei hilft auf Dauer beides nicht. Ade, Zurückhaltung.

Es ist relativ unwahrscheinlich, dass sich die IG Metall damit durchsetzt, die Löhne um 6,5 Prozent anzuheben. Trotzdem ist absehbar, dass in Deutschland 2007 eine ziemlich eindrucksvolle Phase zu Ende geht, in der die Löhne über Jahre so langsam gestiegen sind wie Jahrzehnte lang nicht; und wie auch sonst so gut wie nirgends auf der Welt. Die Frage ist nur, ob das jetzt gut oder schlecht ist fürs Land.

Nach orthodox-deutscher Ökonomenlehre müssten die Löhne eigentlich noch so lange fallen, bis auch der letzte Arbeitslose kostengünstig eingesetzt werden kann. Der Haken ist, dass sich für die vermeintliche Wunderwirkung ewiger Zurückhaltung nicht so viele praktische Belege finden lassen. Gerade die Erfahrung 2006 lässt vermuten, dass ein Maso-Dauerkurs ebenso wenig taugt, um Arbeitslosigkeit ganz abzubauen, wie umgekehrt der Glaube, man müsse zum Wohl der Menschheit einfach Löhne und Kaufkraft ordentlich erhöhen.

 

Umstrittene Freundlichkeit

Im Seminar scheint die Sache klar. Da müssen die Kosten für Arbeit sinken, dann wird mehr eingestellt, die Eingestellten haben Einkommen, mit denen sie den Konsum ankurbeln. Fertig ist der Boom.

Das Ding ist nur: Wenn die Welt so einfach wäre, hätte die Beschäftigung gerade in Deutschland schon lange steigen müssen. Immerhin ist das Lohnplus seit elf Jahren bereits unter dem Verteilungsspielraum aus Produktivität und Inflation geblieben – was Orthodoxiepäpste gern als beschäftigungsfreundlich definieren. Im OECD-Schnitt sind die Löhne seit 1996 viermal so schnell gestiegen. Hätte das nicht etwas bringen müssen statt im Gegenteil einen Rekord von fünf Millionen Arbeitslosen? Komische Vorstellung von Freundlichkeit.

Wenn moderate nationale Lohntrends so automatisch Jobs brächten, müssten die Deutschen langfristig betrachtet sogar Arbeitsplatzweltmeister sein. Oder dachten Sie, die Gewerkschaften seien anderswo nette Plaudertaschen und individuelle Lohnverhandlungen auf Dauer günstiger? Nach Daten der OECD sind die Löhne in Deutschland seit 1979 um jährlich durchschnittlich 2,8 Prozent gestiegen, im Rest der Industriewelt um 4,8, in den USA um 4,6 und im so oft gelobten, gewerkschaftsbefreiten Großbritannien um 6,2 Prozent. Pro Jahr.

Ähnliches gilt bei Berücksichtigung der Produktivitätsfortschritte. Die Lohnstückkosten sind nur in Irland langsamer gestiegen als bei uns und nirgendwo inflationsbereinigt so stark gefallen. Wenn Deutschland in internationalen Kostenvergleichen trotzdem heute oben steht, dann ausschließlich wegen der grotesken Aufwertung von D-Mark und Euro in den vergangenen Jahrzehnten.

All das widerlegt nicht, dass es manchmal nötig ist, Lohnkosten zu kappen. Es lässt aber vermuten, dass das nicht wirklich zum Wunder reicht. Zufall oder nicht: Der jüngste Jobboom begann erst, nachdem 2005 der Euro-Höhenflug gestoppt war, es keine neuen Kostenschocks mehr von außen gab und auch die Regierung auf neue Schocks verzichtete.

Das macht einen gewaltigen Unterschied – weil es vermuten lässt, dass Lohnverzicht allein zum Jobboom nicht reicht. Wenn jeder Lohnzurückhaltung um ein Pünktchen gleich wieder zehn Prozent Verteuerung der Währung folgen, kann man sich auch totsanieren. Von 2001 bis 2005 verteuerte sich der Euro um ein Viertel.

Genau hier liegt der zweite Haken an der Seminarlehre. Fraglich ist, ob verzichtsbedingte Jobzuwächse überhaupt reichen würden, um bei ansonsten anhaltender Lohnstagnation gesamtwirtschaftliche Einkommens- und Konsumschübe zu auszulösen. Die jüngste Erfahrung lässt vielmehr erahnen, wie viele Kollateralschäden eifriges Verzichten hinterlässt. Die enorme Verbesserung der deutschen Kostenpositionen fiel ja nicht zufällig mit einer ebenso beeindruckenden Konsumkrise zusammen. Und: Selbst beim Exportmeister hängt die Wirtschaftsleistung noch zu knapp 60 Prozent davon ab, dass im Inland konsumiert wird.

Nach Faustformeln von Konjunkturexperten bringt selbst ein Ein-Prozent-Anstieg um rund 400.000 Beschäftigte gerade ein halbes Prozent mehr Konsum. Beispiel 2006: Da sind in Deutschland fast eine halbe Million sozialversicherungspflichtige Jobs dazugekommen – der Konsum legte um mickrige 0,6 Prozent zu. Zum Vergleich: Im OECD-Schnitt sind es seit Jahren 2,5 bis 3 Prozent. Um über die orthodoxe Wunderformel dahin zu kommen, müsste es jährlich Jobzuwächse von vier Prozent geben. Das gab es selbst bei größten Wunderländern nicht.

Abhängig von der Ausgabenlust der Welt

Es wäre natürlich fatal, den Öl- und Währungsschocks der vergangenen Jahre jetzt Lohnschocks folgen zu lassen. Klar. Es spricht aber auch einiges dafür, dass die bisherige lohnpolitische Verzichtsstrategie an Grenzen stößt.

In vielen Branchen werden Kräfte knapp – da muss der Preis steigen. Und: In Deutschland hängen vor lauter Geiz mittlerweile schon 45 Prozent der Wirtschaftsleistung vom Export ab. Das erzeugt Abhängigkeiten von der Ausgabenfreude anderer. Der Rest der Welt wächst nicht ewig. Gemessen daran, wie stark die Deutschen vom Geldausgeben anderer profitieren, trägt außer China kein anderes Land so relativ wenig selbst zur Weltnachfrage bei. Deutschlands Exportüberschuss ist 2006 auf abwegige sieben Prozent der Wirtschaftsleistung gestiegen.

Selbst bei Erfolgsländern wie Schweden, Dänemark, Großbritannien oder Finnland sind die Löhne nicht seminargetreu so lange gefallen, bis Vollbeschäftigung da war. Oft gab es ein, zwei ausgeprägte Verzichtsjahre und dann wieder einigermaßen normale Lohnzuwächse. In den USA sind seit 1980 nicht einmal die Lohnstückkosten überhaupt in einem Jahr nominal gefallen. Trotzdem haben die Amerikaner ihre Arbeitslosenquote seitdem halbiert.

Es wäre gut, wenn nach all den eifrigen Tarifritualen auch in Deutschland etwas Ähnliches herauskommt und die Löhne im Landesschnitt irgendwo zwischen zwei und drei Prozent zulegen. Dann sind Wunder möglich.

 

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