Startseite > Chefökonom > … die Kerninflation

… die Kerninflation

21. Februar 2007

Fällt die Teuerung einmal besonders hoch oder niedrig aus, heißt es oft: „Aber die Kernrate zeigt genau das Gegenteil.“ Was ist das denn?

Eigentlich sollten die Statistiker die Verbraucherpreise umfassend ermitteln. Das heißt: In dem Warenkorb, den sie zur Berechnung der Inflation zusammen stellen, sollten möglichst alle Waren drin sein, die ein typischer Bürger kauft.

Nun schwanken diese Preise aber oft stark, etwa aus Gründen der Jahreszeit, des Wetters, oder ganz anderer Ursachen, die mit der Wirtschaft eines Landes eigentlich nichts zu tun haben. So schießen etwa die Preise für Energie oft heftig nach oben oder unten aus. Wenn sich nun die Notenbank, die Tarifparteien, oder auch Investoren an dieser „headline inflation" orientieren, könnte es sein, dass sie den Launen von Ölmärkten oder Wetter auf den Leim gehen und den längerfristigen Trend verfehlen. Mit fatalen Folgen.

Darum haben Ökonomen seit den 1970er Jahren Ideen entwickelt, diese Schwankungen irgendwie herauszufiltern. Dazu gibt es zwei Methoden:

Entweder, man lässt einige Warengruppen aus, weil sie besonders stark schwanken. Kandidaten dafür sind vor allem Energie und Lebensmittel. Das Problem dabei: Die Statistiker sind sich nicht einig, welche Waren man weglassen sollte. Das europäische Statistikamt Eurostat etwa veröffentlicht gleich fünf Kernraten, zum Beispiel die Preise ohne Energie oder ohne Energie, Lebensmittel, Alkohol und Tabak. Am häufgsten zitiert wird der harmonisierte HVPI-Index ohne Energie und unverarbeitete Lebensmittel, der immerhin noch 83,4 Prozent des Warenkorbes enthält.

Das Schweizer Bundesamt für Statistik berechnet auch eine Rate ohne staatlich administrierte Preise. Das US Bureau of Labor Statistics veröffentlicht Kernraten ohne Energie sowie ohne Energie und Lebensmittel, auf die sich die US-Notenbank oft bezieht. Diese umfasst noch 77,4 Prozent des Warenkorbes.  

Eine Alternative dazu sind neuere Konzepte der statistischen „Glättung“ der Inflationsrate oder auch eine so genannte Median-Inflationsrate.

In der Euro-Zone liegt die Kernrate seit Monaten unter der Headline-Inflation. Die beiden Raten nähern sich zuletzt aber stark an. Möglicherweise dürfte die Kernrate in diesem Jahr erstmals seit langem wieder über der Gesamtinflation liegen, wenn die Energiepreise sich weiter so moderat entwickeln wie in den vergangenen Monaten. In den USA liegt die Kernrate seit Monaten deutlich über der Gesamtinflation und bereitet der US-Notenbank Kopfzerbrechen.

Während die US-Notenbank die Kernrate gerne heranzieht (auch deshalb, weil die Energiepreise in den USA sehr stark schwanken, stärker als in Europa) sind die Europäer eher skeptisch. So vertritt die Deutsche Bundesbank der Meinung, die Kernrate zu verwenden sei problematisch, weil sie eher ein nachlaufender Indikator sei und man damit neueste Entwicklungen quasi verschlafen könne. Änderungen etwa bei Energiepreisen würden ja oft mit Verzögerung auch auf die anderen Waren durchschlagen – die so genannten „Zweitrundeneffekte“.

Sagen Sie beim nächsten Empfang im Beisein von Volkswirten einfach mal: Die Kernrate sollte man eigentlich ignorieren, und zwar wegen der Zweitrundeneffekte. Die werden staunen!
 

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: