Startseite > Out of Wirtschaftsdienst > Aus Sicht des Kapitals – Statistische Fallgruben allerorten

Aus Sicht des Kapitals – Statistische Fallgruben allerorten

8. Mai 2007

Ab heute lesen Sie im Wirtschaftswunder jeden Dienstag das Stück der Woche aus der FTD-Finanzmarktkolumne „Das Kapital“.
*

Es scheint fast, als sei in der Wirtschaft nichts mehr so, wie es mal war. So gleiten den Ökonomen ihre liebsten Spielzeuge seit Jahren der Reihe nach aus der Hand. Denn etliche klassische Korrelationen zwischen Wirtschaftsdaten gehen quasi in die Brüche.
Zuerst war es der uralte Zusammenhang zwischen Geld und Inflation, der auf einmal verschwunden zu sein schien – vor allem in den USA. Dann konnte – ebenfalls jenseits des Atlantiks – die Arbeitslosenquote plötzlich auf erstaunlich niedrige Stände sinken, ohne einen Preisauftrieb auszulösen. Inzwischen fällt – angeblich – auch die Zinskurve als konjunktureller Wegweiser weg. Die Gewinne können heute selbst in einem Umfeld magerer BIP-Zuwächse und ausufernder Lohnstückkosten noch steigen, wie die laufende Berichtssaison an der Wall Street zeigt. Der US-Arbeitsmarkt brummt trotz mickrigen Wachstums.
Fast schon schlagartig haben derweil die europäischen Wirtschaftsdaten mit jenen in den USA nahezu nichts mehr gemein; während das US-Wachstum sinkt, zieht es in Europa an. Selbst die Währungsaufwertung kann dem hiesigen Geschäftsklima nichts mehr anhaben – von steigenden Rohstoffkosten ganz zu schweigen. Hebt die Notenbank die Zinsen an, beschleunigt sich das Wachstum der Geldmenge M3 und der Kredite, statt sich zu verlangsamen. Die Liste kollabierender Korrelationen ließe sich leicht fortsetzen – wobei vor allem auch innerhalb des Aktienmarkts heilloses Durcheinander vorzuherrschen scheint, wie die atypische Sektorenentwicklung zeigt. Ist das alles ein Ausfluss von Globalisierung, Deregulierung und (Finanz-)Innovationen?

Korrelation versus Kausalität

Wenn man die neuen Korrelationen bedenkt, die sich in der Zwischenzeit aufgetan haben, ist man fast geneigt zuzustimmen. So betrug der Korrelationskoeffizient zwischen der Veränderungsrate von Dax und Euro-Yen-Kurs über die vergangenen drei Monate auf Wochenbasis sagenhafte 0,7 – was vermutlich die Bedeutung spekulativer, Yen-finanzierter Wertpapierkredite für die westlichen Vermögensmärkte reflektiert.
Müssen, kurzum, die Ökonomielehrbücher neu geschrieben werden? Nicht doch. Denn natürlich ist Korrelation nicht gleichzusetzen mit Kausalität. Inzwischen quillt infolge der monetären Expansion in den USA die Inflation eben doch aus allen Ritzen heraus: Ob Löhne, Importe, Nahrungsmittel, Mieten und selbst Telefondienstgebühren, die Preise steigen auf breiter Front. Sofern man der Schnellschätzung für das erste Quartal trauen kann, folgt die US-Wirtschaft derweil ziemlich exakt der Zinskurve. Wer auf eine nachhaltige Abkopplung der europäischen von der US-Wirtschaft setzt, sollte zudem wissen, dass der Korrelationskoeffizient zwischen der Wochenveränderungsrate von S&P 500 und Stoxx 600 inzwischen wieder bei nahezu eins liegt.
Wird die konterintuitive Korrelation zwischen Euro-Yen-Kurs und Dax halten? Fürs Erste ja. Bloß ist es schon beim gegenwärtigen Wechselkurs nur eine Frage der Zeit, bis etwa die japanischen Autobauer den europäischen ordentlich Dampf machen. Die Europäer können den preislichen Ködern der Japaner dann entweder eigene Lockungen entgegenhalten, oder sie müssen Marktanteilsverluste hinnehmen, was auch die Steigerung der Produktivität erschwerte. Beides lastet auf der Rentabilität (gemessen am Verhältnis von Produzentenpreisen und Lohnstückkosten). Der Ifo beispielsweise – und diese Korrelation ist intakt – hängt aber wie eine Schnur an der Rentabilität der hiesigen Firmen, die ohnehin mit höheren Lohnforderungen konfrontiert werden. Deshalb – und weil am Ende der US-Abschwung vermutlich doch Spuren hinterlassen wird – ist ein fallender Ifo so gut wie ausgemacht.
Damit jedoch stünde die Wirkungskraft Yen-finanzierter Wertpapierkredite mit einem Schlag auf dem Spiel. Im Zuge ihrer Auflösung würde die Korrelation zwischen Euro-Yen-Kurs und Dax zweifellos noch anhalten. Danach aber werden die Karten neu gemischt.

Ursache und Wirkung

Wie 2000 glauben unterdessen die meisten, dass die Aktienmärkte schon aufgrund der überaus regen Fusionstätigkeit gut unterstützt sind. Mehr noch: Weil die Private-Equity-Branche zunehmend an Bedeutung gewinne, deren angeblich 400 Mrd. $ hohen Eigenmittel mittels Kredit leicht auf einen für Übernahmen bereitstehenden Betrag von 2000 Mrd. $ gehebelt werden könnten, steige die Liquidität in ungeahnte Sphären.
Vielleicht. Bloß entsteht „zusätzliche“ Liquidität ursächlich erst und nur dann, wenn die Banken den erhofften Kredit auch gewähren. Wie schnell sie Darlehen verwehren können, wenn sie plötzlich an der Bonität eines Schuldners zweifeln, zeigt indes der US-Hypothekenmarkt. Sobald sich die ökonomischen Perspektiven eintrüben, wird selbst Private Equity plötzlich um Kredite betteln müssen.

Von Jörg Berens

Schlagwörter:
%d Bloggern gefällt das: