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AusSicht des Kapitals – Ever Heard of Stagflation?

22. Mai 2007

An dieser Stelle lesen Sie im Wirtschaftswunder jeden Dienstag das Stück der Woche aus der FTD-Finanzmarktkolumne „Das Kapital“.

Alles in Butter. Das haben die US-Daten vom Freitag eindrucksvoll belegt. Denn wenn man von jenen Umsätzen absieht, die fallen, steigen die US-Einzelhandelsumsätze eindeutig. Und wenn man jene Preise herausrechnet, die steigen, stagnieren die US-Erzeugerpreise nunmehr schon seit zwei Monaten.
Wer würde sich da schon darüber grämen, dass die Erzeugerpreise im April insgesamt weiter zugenommen haben und damit 4,9 Prozent über dem Niveau von sechs Monaten zuvor lagen? Nicht doch, die Sechsmonatsveränderungsrate überzeichnet den Preisdruck völlig, da sie auf der niedrigen Basis im Oktober fußt. Das wird auch jene US-Verbraucher trösten, die etwas besorgt die Nahrungsmittelerzeugerpreise verfolgen, die über die vergangenen sechs Monate aufs Jahr hochgerechnet um fast 13 Prozent kletterten. Wer, wie das gemeine US-Volk, üppige 17,25 $ je Stunde verdient, für den ist das ohnehin ein Klacks, ebenso wie der leichte Anstieg der Benzinpreise seit Januar von 2,15 $ auf über 3 $ je Gallone.
Nein, nein, es ist schon richtig, mit Energie und Nahrungsmitteln jene Kategorien aus der (Kern-)Preisbetrachtung auszublenden, die durch die Globalisierung beeinträchtigt werden. Seit Anfang 2002 ist der Gesamterzeugerpreisindex mit 20,2 Prozent schließlich bloß dreimal so schnell gestiegen wie der Kernindex (7,3). Auf der Verbraucherpreisebene liegt das Verhältnis gar nur bei 15,4 zu 10,9 Prozent. Der Unterschied entspricht also gerade mal dem Jahreskupon einer Staatsanleihe.
Und überhaupt kann die Geldpolitik gegen Energie- und Nahrungsmittelpreise ohnehin nichts ausrichten, nicht wahr? Klar, der Ölpreis wäre auch dann explodiert, wenn die Fed die Welt nicht mit Dollars überschwemmt hätte, da die Chinesen ihre Produkte halt auf den Mars exportiert hätten. Und Getreide würde man auch dann zu Treibstoff machen, wenn der Ölpreis in der Nähe der Grenzkosten stünde. Der Dollar wäre so oder so eingeknickt, selbst wenn die nichtfinanziellen US-Sektoren seit Anfang 2002 keine neuen Schulden von 9188 Mrd. $ aufgenommen hätten. Und den Anstieg der Hauspreise um 53 Prozent kann man der Fed ebenso wenig in die Schuhe schieben wie die laufende Mietzunahme.
Das Einzige, was man der Fed – vielleicht – vorhalten könnte, wäre die leicht angespannte Lage auf dem Arbeitmarkt, die angesichts des nachlassenden Zuwachses der Arbeitsproduktivität Lohnkostendruck zeitigen könnte. Aber bloß keine Sorge: Denn wenn man neben Staat, Privathaushalten, Wohlfahrtseinrichtungen und Landwirten auch noch den Bau herausrechnet, hat sich die Zunahme der US-Arbeitsproduktivität gar nicht groß verlangsamt. Genau. Und wenn man von Gesundheitswesen und Freizeitsektor absieht, ist die Beschäftigung in der US-Privatwirtschaft seit Ende 2006 noch um ganze 167 000 Stellen gestiegen – dummerweise allerdings kumuliert.

 

Von Jörg Berens

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