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Wenn Notenbanker streiten

24. Mai 2007

Die EZB redet anders als etwa die Fed gerne mit einer Stimme. Seit kurzem aber gibt es feine Unterschiede in den Kommentaren der Notenbanker. Das belegt verstärkten Diskussionsbedarf. Aber die EZB muss aufpassen, Frankreichs Sarkozy nicht in die Hände zu spielen.

Die Europäische Zentralbank (EZB) vertraut auf das Prinzip der „single voice“. Das heißt, dass anders als etwa bei der US-Notenbank Fed oder der Bank of England (BoE), Reden der Zentralbanker zwischen den geldpolitischen Sitzungen stark die Meinung des EZB-Rats als ganzes widerspiegeln, weniger dezidierte Einzeleinschätzungen. So tauchten denn in der jüngsten Vergangenheit auch stets die gleichen Signalwörter wie „akkommodierende Geldpolitik“ oder „Wachsamkeit“ in allen Reden auf – je nach dem aktuellen Duktus des jeweils gültigen, offiziellen EZB-Statements. 

Bei der Fed oder der BoE verraten die Notenbanker dagegen stärker, wie sie persönlich gerade die Aussichten für Inflation und/oder Wirtschaft einschätzen.

So kommt es denn auch, dass etwa am Dienstag Jeffrey Lacker, Chef der regionalen Fed Richmond, eindringlich vor Inflationsrisiken und davor warnte, allein darauf zu vertrauen, dass das langsame Wachstum die Teuerung dämpft – was suggerierte, dass der US-Leitzins noch mal steigen müsste. Während seine Amtskollegin aus San Francisco, Janet Yellen, sich noch ganz zuvor optimistisch geäußert hatte, dass das Wachstum unter Potenzial für Entspannung am Arbeitsmarkt und damit beim Inflationsdruck sorgt – was nahe legte, dass der Zins perspektivisch vielleicht gar sinken könnte. 

Aber auch unter den EZB-Vertretern scheint sich nun langsam die Front ein wenig aufzulösen.  So machten etwa die Notenbankchefs aus Deutschland und Österreich, Axel Weber und Klaus Liebscher, in den letzten Tagen deutlich, dass sie die Inflationsrisiken für den Euroraum als gestiegen ansehen.  „Mit der ziemlich robusten und breiten Erholung, die wir gesehen haben, halten die Risiken für die Preisstabilität nicht nur an, sondern sind dabei zuzunehmen und haben zuletzt zugenommen“, sagte Weber am Dienstagabend laut Nachrichtenagentur „Market News International“. Dagegen äußerten sich der Spanier Miguel Angel Fernandez Ordonez und der Franzose Christian Noyer jüngst deutlich entspannter. „Das Inflationsrisiko hat nicht zugenommen. Es gibt keine Sorgen, dass die Inflation außer Kontrolle gerät“, sagte etwa Noyer. 

Solche feinen Unterschiede belegen, dass jetzt der Diskussionsbedarf im EZB-Rat über den weiteren Zinskurs zunimmt und es immer schwerer werden dürfte, den nötigen Konsens herzustellen. Tatsächlich erreicht der Euro-Leitzins mit der erwarteten Erhöhung am 6. Juni auf 4,0 Prozent zunehmend ein Niveau, das als neutral angesehen werden kann – das also weder die Konjunktur stimuliert noch dämpft. Und ob es für die EZB Gründe gibt, restriktiv zu werden, also die Konjunktur wegen zu hoher Preisrisiken bewusst abzubremsen, darüber lässt sich vortrefflich streiten. 

Dazu passt wohl auch der neu entbrannte beziehungsweise verschärfte Streit um die monetäre Säule der EZB und den Referenzwert der Geldmenge M3. Die Deutsche Bundesbank beispielsweise verteidigt diese Säule und leitet aus dem rasanten Geld- und Kreditwachstum mittelfristige Inflationsrisiken ab, die weitere Zinserhöhungen rechtfertigen würden. Noyer oder auch die italienische Notenbank nähren dagegen öffentlich unverhohlene Zweifel an der Prognosekraft der Analyse im Moment beziehungsweise generell. 

Auffällig ist dabei, dass vor allem die Notenbankchefs jener Länder, die besonders unter steigenden Leitzinsen leiden, am deutlichsten Zweifel an der Notwendigkeit weiterer Zinserhöhungen nähren – also Spanien, Frankreich und Italien. Während Bundesbankchef Weber sich entspannt zeigen kann, da die deutsche Wirtschaft mit den steigenden Zinsen und dem dadurch stärkeren Euro offensichtlich bestens zurechtkommt. 

Die Notenbanker müssen allerdings aufpassen, dass sie nicht zu viel ihres Konsenses aufgeben. In einer Zeit, da Frankreichs neuer starker Mann, Nicolas Sarkozy, auf eine Wirtschaftsregierung für die Euro-Staaten drängt, die auch die Unabhängigkeit der EZB in Frage stellen, zumindest aber ihren Handlungsspielraum einschränken könnte, dürfen sie sich nicht durch öffentlich ausgetragene Uneinigkeit zusätzlich angreifbar machen. 

Für die nächste Ratssitzung am 6. Juni ist damit für reichlich Gesprächsstoff gesorgt – und für jede Menge Spannung.

Von Mark Schrörs

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