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Die Kolumne – Wo der Aufschwung herkommt

31. Mai 2007

Die Fehlprognosen zur deutschen Wirtschaftsentwicklung spiegeln den desaströsen Zustand der Expertendiagnosen. Zeit für einen Paradigmenwechsel.

 

 
Deutsches Wirtschaftswachstum zum Vorjahr
 Deutsches Wirtschaftswachstum zum Vorjahr

Deutschlands Wirtschaftsexperten ringen mit dem Aufschwung wie Mechaniker, die ein Auto für schrottreif deklariert hatten und jetzt erklären müssen, warum dieses Auto plötzlich Formel-1-Rennen fährt. Könnte sein, dass sich die Mechaniker nur mal geirrt haben. Oder sie sind einfach schlechte Mechaniker. Dann wäre es sinnvoll, die Jungs in Weiterbildung oder Umschulung zu schicken, um ähnliche Fehldiagnosen künftig zu vermeiden.

Vielleicht ließe sich mit etwas Fortbildung auch die nächste deutsche Wirtschaftskrise vermeiden und der Aufschwung verlängern. Einiges deutet nach dem rasanten Aufschwung darauf hin, dass die Deutschen sich dafür nur von der ein oder anderen Stammtischdiagnose verabschieden müssten. Wirtschaft geht offenbar anders.

Glücksfall Regierungslosigkeit

Allein das Tempo, mit dem die Wirtschaft seit fast zwei Jahren wächst, lässt das dröhnende Gebimmel über verkrustete Strukturen, unflexible Arbeitnehmer, aggressive Chinesen, in Massen flüchtende Firmen und unbezahlbare Arbeit absurd wirken. Deutsche Firmen schaffen derzeit im Schnitt 1700 neue (teure) Jobs am Tag, sind seit einem Jahr durchgehend dynamischer als die amerikanischen und investieren ein Viertel mehr Geld im Land als 2004, viel mehr als im Rest der Welt.

So schnell können sich die Strukturen gar nicht gebessert haben, zumal der Chinese noch da ist. Was den Schluss aufdrängt, dass die Deutschen gar nicht so chronisch schwach, starr und verkrustet sind. Die Deutschen seien wohl vorschnell zum kranken Mann erklärt worden, urteilte kürzlich Jean-Claude Trichet, der EZB-Chef.

Arbeitslose in Deutschland
 Arbeitslose in Deutschland

Wenn gerade Deutschland von 2001 bis 2005 trotzdem kriselte, muss das andere Gründe haben. Zum Beispiel, dass hierzulande Wirtschaft und Verbraucher neben dem Börsencrash einige Schocks zu verkraften hatten, die es anderswo so nicht gab: die Spätfolgen der Einheit etwa am Bau, einen viel zu teuren Umtauschkurs der D-Mark beim Start der Währungsunion, einen Konsumschock bei Einführung des Euro-Bargelds sowie weltweit einmalige Aufwertungsschübe der Währung und den Ölschock, der ein Land, das kein Öl produziert, einfach stärker trifft als etwa die USA und Großbritannien, die von hohen Preisen zugleich profitieren.

Dazu eine rot-grüne Regierung, die heillos herumreformierte und die Krise durch Praxisgebühren, verschobene Steuerreformen, Hartz-Wirren, höhere Abgaben und Investitionskürzungen per saldo verlängert statt verkürzt hat – während Amerikaner und Briten erfolgreich die Konjunktur stützten. All das erklärt, warum in Deutschland die Wirtschaft zwischen 2001 und 2005 jährlich locker ein bis zwei Prozentpunkte langsamer wuchs, als es möglich gewesen wäre. Und so lässt sich – ganz ohne Abstiegsprophetie – auch das Gros des vorübergehenden Wachstumsrückstands gegenüber anderen Ländern erklären.

Nur so wird umgekehrt plausibel, warum es seitdem so spektakulär besser wurde. Ab 2005 lag der Euro-Außenwert erstmals seit Jahren niedriger als im Vorjahr, 2006 stiegen die Bauausgaben erstmals seit über einem Jahrzehnt stark. Die Einheitskrise scheint überwunden, auch die Abgaben sind erstmals wieder so niedrig wie zu Mauerzeiten.

Ab Frühjahr 2005 gab es als Novum auch eine längere Phase, in der – neuwahlbedingt – so gut wie nicht herumreformiert wurde. Und: 2006 amtierte eine Regierung, die so weise war, die Konjunktur erst mal laufen zu lassen, bevor sie den Leuten zur Sanierung Geld nahm. Das geht im Aufschwung besser, wie die Mehrwertsteuererhöhung eindrucksvoll zeigt. Erstmals seit Jahren wirkte die Finanzpolitik 2006 neutral oder sogar leicht expansiv. Dank dezentem Konjunkturpaket. Auch das hat zum Aufschwung beigetragen.

Nur so lässt sich erklären, warum – trotz jahrelanger Lohnzurückhaltung – erst 2005 plötzlich der Jobboom einsetzte: weil die Kostenersparnisse erstmals nicht mehr durch immer neue Euro-Aufwertungen wieder zunichtegemacht wurden. Nur so lässt sich auch erklären, warum es trotz aller Reformen jahrelang kriselte und sich manche Reform erst jetzt im Aufschwung auszahlt.

Keine weitere Vereinigung in Sicht

Investitionen in Ausrüstungen in Deutschland
 Investitionen in Ausrüstungen in Deutschland

 

Erste Schätzungen ergeben, dass die deutsche Wirtschaft heute bei gegebenem Wachstum mehr Jobs schafft als früher. Dazu haben mäßige Lohnzuwächse und liberalere Regeln für den Einsatz von Zeitarbeitern sicher beigetragen. Ohne Aufschwung aber hätte das wenig geholfen. Das Gute ist, dass sich die Deutschen mit Wiedervereinigungen wohl nun eine Zeit zurückhalten werden. Ebenso wie mit dem heiklen Einführen neuer Währungen. Damit entfallen zwei Krisenfaktoren.

Der Aufschwung zeigt, dass Wachstum auch in einem Hochlohnland möglich ist und Kostentabellchen eben nicht alles sind. Und dass Globalisierung und Billigkonkurrenz als Ursachen unserer Probleme stark überschätzt wurden. Warum wird plötzlich wie wild in Deutschland investiert, wo es doch so viel tolle Länder mit 2 Cent Stundenlohn gibt? Zu den Lehren könnte auch zählen, dass es absurd ist, alle Energie darauf zu verwenden, Sozialbeiträge um drei Zehntel zu senken – und dann zuzusehen, wie Asiaten und andere ihre Währungen manipulieren und sich unsere Kostenposition wechselkursbedingt um 20 Prozent verschlechtert.

Es ist auch absurd, wenn sich jeder zweite gefühlte Ökonomieprofessor in Deutschland damit befasst, das 213. Modell zur Billigbeschäftigung von Arbeitsfaulen zu entwickeln, wenn sich zeigt, dass ein großer Teil der Jobkrise doch konjunkturell war, und jetzt auch eher ein Mangel an hoch zu bezahlenden Fachkräften droht.

Es lohnt sogar zu fragen, warum der Aufschwung just in der Zeit kam, als das Land gar nicht regiert wurde. Es scheint, entgegen lang gepredigter Orthodoxie, eben nicht egal zu sein, wann und in welcher Dosierung man reformiert, kürzt oder Mehrwertsteuern anhebt. Vielleicht war es auch ein Trugschluss zu glauben, dass das am besten geht, wenn der Leidensdruck am höchsten ist.

Es hat sich ausgezahlt zu warten, bis die Wirtschaft Eigendynamik entwickelt. Anfang 2006, als der Aufschwung gerade begann, hätte der Mehrwertsteuerschock wahrscheinlich verhindert, dass die Konjunktur überhaupt so anzieht. Dann hätte der Finanzminister jetzt auch nicht so hohe Steuermehreinnahmen. Zum Vergleich: Die Briten haben ihr Pendant zu den Hartz-Gesetzen auch erst im Boom 1997 eingeführt.

Aus all dem ließe sich für die nächste Krise einiges lernen: über das bessere Timing von Strukturreformen, die Notwendigkeit, nicht immer alles zur deutschen Strukturkrise zu erklären und nicht reflexartig irgendwelche Rumtatareformen zu fordern. Oder über den Bedarf, sich wieder mehr mit Konjunkturforschung statt mit Theorien und Anreizproblemen am Arbeitsmarkt zu beschäftigen. Sonst wundern sich die Experten in Kürze wieder, dass die deutsche Wirtschaft sich ganz anders entwickelt, als sie es prophezeit haben. Zeit für einen Paradigmenwechsel.

Mail: fricke.thomas@ftd.de 

 

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