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Revolutionsangst unter Ökonomen

10. Juni 2007

Der US-Nobelpreisträger George Akerlof weist in einem neuen Aufsatz darauf hin, welche große Rolle gesellschaftliche Normen bei den Entscheidungen zu Konsum- und Investitionsentscheidungen spielen – und stößt damit einen erbitterten Streit an.

Nach meiner Rückkehr aus Kiel (siehe die Beiträge im Wirtschaftswunder hier, hier, hier und hier), lag in der Post die aktuelle Ausgabe der hoch renommierten Fachzeitschrift „American Economic Review“ (AER), wahrscheinlich der wichtigsten Publikation für akademische Volkswirte überhaupt. Üblicherweise verbietet allein die übliche monatelangen Verspätung bei der Zustellung über den Atlantik überhaupt noch in aktuellen Medien wie der FTD oder dem Wirtschaftswunder über die Beiträge im AER zu berichten.

Diesmal ist das anders: Die Zeitschrift enthält nämlich einen Beitrag, der in den vergangenen Monaten eine heftige Debatte in der Profession über Methoden, Vorgehen und Schlussfolgerungen der Volkswirtschaftslehre angestoßen hat, die noch heute in vollem Gange ist. In dem Text „The Missing Motivation in Macroeconomics“ (eine frühere Version findet sich hier) stellt der Nobelpreisträger George Akerlof gleich eine ganze Reihe der zentralen Glaubenssätze der vorherrschenden Makroökonomie in Frage – etwa zur Wirksamkeit von Konjunkturpolitik, bei der Frage nach den Bestimmungsgrößen der langfristigen Arbeitslosigkeit oder bei der Frage, wie hoch die optimale Inflationsrate sein soll. (Für all jene, die schon länger nicht mehr an der Uni waren: Nach traditioneller Lehrbuchmeinung – die vor allem unter deutschen Ökonomen vorherrscht – hat Konjunkturpolitik eher wenig Wirkung, hängt die langfristige Arbeitslosigkeit einzig von Arbeitsmarktinstitutionen wie Kündigungsschutz oder Stärke der Gewerkschaften ab, und liegt die Inflationsrate am besten bei null.)

Tatsächlich kommt Akerlof in seinem neuen Papier zu Ergebnissen, die erstaunlich der traditionellen keynesianischen Theorie ähneln, wie sie bis – mit dem Unterschied, dass Akerlofs Ergebnisse modernen Ansprüchen der Begründung genügen.

Die zentrale Kritik Akerlofs zielt auf die gängige Annahme unter Wirtschaftswissenschaftlern, die Menschen würden stets ihre Handlungen auf eine Optimierung einer Nutzenfunktion zurückführen, in die lediglich (positiv) der aktuelle und zukünftige Konsum und (negativ) der aktuelle und zukünftige Arbeitsaufwand eingehen. In der Realität treffe diese Annahme nur sehr eingeschränkt zu, so Akerlof. Statt dessen ließen sich Individuen häufig stark davon leiten, welche Normvorstellungen in der Gesellschaft vorherrschten, beobachtet der Nobelpreisträger.

Die gängige Wirtschaftstheorie etwa geht davon aus, dass die Konsumausgaben eines Einzelnen vor allem von seinen erwarteten Einkommen über sein gesamtes Leben abhängen. Weil der Einzelne seinen Konsum lieber über längere Zeit konstant hält, werde er in Zeiten geringer Einnahmen von seinen Ersparnissen zehren oder Kredit aufnehmen und in Zeiten hoher Einkünfte sparen. Ein Student würde in dieser Welt nicht weniger ausgeben als später als Berufstätiger, dafür aber Kredite aufnehmen. Ebenso ein Arbeitsloser, der damit rechnet, später wieder einen Job zu finden. Akerlof zufolge vernachlässigt dieses Modell völlig, dass es soziale Normen gibt, welcher Konsum für einen Einzelnen anerkannt ist und welcher nicht. So werde von Studenten erwartet, wie Studenten zu leben. Beim starken Abweichen von dieser Norm werde der Student von seiner Umwelt negativ wahrgenommen, was wiederum dessen Wohlbefinden beeinträchtigen. Parallel werde von einer Investmentbankerin ebenfalls ein gewisser Konsumstandard erwartet. Konsumiere diese weniger als von der Umgebung erwartet, beeinträchtige dies ebenfalls ihr Außenbild und ihr Wohlbefinden.

Mit ähnlichen Überlegungen zeigt Akerlof, warum Unternehmer sehr wohl ihr Investitionsvolumen an den aktuellen Cash-Flows orientieren (statt nur an den erwarteten Geschäftsmöglichkeiten in der Zukunft), warum höhere Inflation unter Umständen doch zu niedrigerer Arbeitslosigkeit führen kann, und warum die Zentralbank mit ihrer Geldpolitik möglicherweise größeren Einfluss auf das Wachstum hat, als bislang oft geglaubt.

Für viele Ökonomen besonders irritierend ist dabei, dass Akerlof nicht nur ihren Standard-Methodenkasten, sondern auch ihre lange verinnerlichten Ergebnisse angreift. Prekär ist dabei nicht nur, dass mit Akerlof ein Nobelpreisträger diese Kritik vorbringt, sondern auch die Veröffentlichung im American Economic Review (und der vorherige Vortrag auf der Jahrestagung der American Economics Association).

Allerdings ist Akerlof auch nicht alleine. Immer größer ist in den vergangenen Jahren die Zahl jener geworden, die vor allem an der Annnahme der rationalen Erwartungen Zweifel äußerten. Auf der Kieler Konferenz vor einer Woche etwa wurde eine Vielzahl von Papieren präsentiert, die erneut auf die empirischen Unzulänglichkeiten der Annahme rationaler Erwartungen hinwiesen und alternative Ansätze präsentierten. Gut möglich, dass sich derzeit ein neuer Paradigmenwechsel in den Wirtschaftswissenschaften anbahnt.

Lesen Sie am nächsten Wochenende im Wirtschaftswunder: Wie sich die Debatte um Akerlofs Papier im Internet entwickelt und welcher Ökonom auf wen los geht.

Von Sebastian Dullien

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