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Verstärkt die globale Marktwirtschaft Armut und Ungleichheit in der Welt?

11. Juni 2007

Untersucht man die tatsächliche Armutsentwicklung in der Welt, lassen sich die Thesen der Globalisierungskritiker nur schwer halten.

Vor dem Hintergrund des G-8-Gipfels in Heiligendamm haben sich einmal mehr Kritiker des Weltwirtschaftssystems zu Wort gemeldet und klagen, die globale Marktwirtschaft führe zu immer mehr Armut und Ungleichheit in der Welt. Solche Thesen bedienen Vorurteile und werden von vielen Menschen unkritisch übernommen, vor allem dann, wenn sie von bekannten Politikern vertreten werden. Das ist bedauerlich, denn mit der Realität haben sie wenig zu tun.

Die Fakten sind deutlich komplizierter, sprechen aber dafür, dass die weltweite Armut in den letzten Jahrzehnten eher gesunken ist, und dass vor allem die Länder aufholen, die sich besonders intensiv in die globale Wirtschaft integriert haben. Die ärmsten Länder sind dagegen jene, die von der Globalisierung nicht erreicht wurden.

Nach einer neueren Untersuchung des Ökonomen Xavier Sala-i-Martin von der Columbia-Universität in New York hat die weltweite Armut in den letzten Jahrzehnten drastisch abgenommen. Er kommt zu dem Ergebnis, dass der Anteil der Weltbevölkerung, der in akuter Armut lebt und über weniger als einen Dollar Einkommen pro Tag verfügt, von 17 Prozent im Jahr 1970 auf 7 Prozent im Jahr 1998 gefallen ist. Für andere Ungleichheits- und Armutsmaße kommt die Studie zu ähnlichen Ergebnissen.

Hinter dieser sinkenden weltweiten Armutsquote verbinden sich sehr unterschiedliche Entwicklungen einzelner Regionen. Den größten Anteil an der Verringerung der Armut haben die Länder Süd- und Ostasiens. Im Jahr 1970 war in Ostasien rund ein Drittel der Bevölkerung von akuter Armut betroffen. Diese Quote lag im Jahr 2000 bei nur noch 2,4 Prozent. In Südasien ist die Armutsquote im gleichen Zeitraum ähnlich drastisch gesunken, von 30 Prozent im Jahr 1970 auf 2,5 Prozent im Jahr 2000. Diese Trends werden dominiert von den jeweils größten Ländern dieser Regionen, China und Indien, die beide eine positive Wirtschaftsentwicklung aufzuweisen haben. Aber auch andere Länder der Region haben dazu beigetragen, beispielsweise Thailand.

Anders ist die Entwicklung in Afrika. In den Ländern südlich der Sahara ist die Armutsquote von rund 35 Prozent im Jahr 1970 auf fast 50 Prozent im Jahr 2000 gestiegen. Das Wohlstandsgefälle zum Rest der Welt nimmt zu. Ein besonders niederschmetterndes Beispiel ist Nigeria. Trotz seines Ölreichtums hatte dieses Land zwischen 1970 und 2000 ein sinkendes Pro Kopf-Einkommen zu verzeichnen. Während die Armut deutlich zugenommen hat, ist dort gleichzeitig ein Anstieg des Einkommens des reichsten Teils der Bevölkerung zu verzeichnen. Das wirft die beunruhigende Frage auf, ob die Oberschicht in diesem Land ein Interesse daran hat, die wirtschaftliche Entwicklung zu verändern. Auch die in diesem Land tätigen multinationalen Firmen sollten darüber nachdenken, ob sie hier Mitverantwortung tragen.

Ein gemischtes Bild bietet Lateinamerika. Dort ist die Armutsrate zwar von gut 10 Prozent im Jahr 1970 auf etwa vier Prozent im Jahr 2000 gesunken, aber ein großer Teil dieser Verbesserung wurde in den siebziger Jahren erreicht. Zwischen 1980 und 1990 ist die Armutsquote dort sogar angestiegen, seitdem stagniert sie.

Für die Welt insgesamt dominieren die positiven Entwicklungen in Asien, weil der Anteil dieser Region an der Weltbevölkerung deutlich größer ist als der Anteil Afrikas und Lateinamerikas.

Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus diesen Resultaten ziehen? Zunächst sollte erwähnt werden, dass es andere, ebenfalls seriöse Studien gibt, die einen geringeren Rückgang der Armut messen, aber eben auch einen Rückgang. Auch über die richtigen Indikatoren zur Armutsmessung kann man sicherlich streiten. Auffällig ist jedoch, dass die Länder, deren Wirtschaftsentwicklung durch Marktöffnung und Außenhandel getrieben ist – das gilt für fast alle Länder Südostasiens – die Armut sehr erfolgreich zurückdrängen konnten. Die Länder, in denen die Armut sich verschärft hat, sind dagegen von der Weltwirtschaft weitgehend ausgeschlossen. Das sollte denjenigen zu denken geben, die pauschal behaupten, die Globalisierung der Wirtschaft sei verantwortlich für die Armut in der Welt.  

Von Clemens Fuest

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