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Die EZB und das Potenzialwachstum

13. Juni 2007

Die Europäische Notenbank will nicht mehr ausschließen, dass sie ihre Potzenzialwachstumsschützung anpasst. Wie groß könnte ein solche Korrektur sein? Und was wären die Folgen für die Geldpolitik?

Jean-Claude Trichet wählt seine Worte in der Regel mit Bedacht. Deshalb war die Aufregung groß, als der Präsident der Europäischen Zentralbank bei einer Pressekonferenz vorige Woche sagte, er wolle „nicht ausschließen“, dass die EZB ihre Schätzung über das Potenzialwachstum in der Euro-Zone nach oben anpasst.

Die Reaktion ist verständlich. Denn es geht um nichts weniger als eine der wichtigsten Kennzahlen für die europäische Volkswirtschaft – mit erheblichen Konsequenzen für die Geldpolitik.

Das Potenzialwachstum misst, wie stark eine Wirtschaft langfristig wachsen kann, ohne dass die Teuerung zu stark steigt. Nimmt das Potenzial zu, so ist bei einem gegebenen tatsächlichen Wachstum der Inflationsdruck geringer. Das schafft Spielraum für niedrige Zinsen. Als Beispiel für den Zusammenhang gilt die amerikanische Geldpolitik in den 90er-Jahren. Die optimistische Einschätzung des Produktionspotenzials nach der IT-Revolution waren für den damaligen US-Notenbankchef Alan Greenspan ein wesentlicher Grund, die Zinsen niedrig zu halten und damit einen beispiellosen Konjunkturboom zu ermöglichen.

Anders als Größen wie das Bruttoinlandsprodukt lässt sich das Potenzialwachstum jedoch nicht direkt beobachten, weshalb Ökonomen die Größe mit komplizierten Modellen zu bestimmen versuchen. Diese Verfahren sind zwar umstritten, dennoch gilt bei Zentralbankern das Potenzialwachstum als wichtiger Indikator für die Inflationsgefahr. In der EZB wird deshalb mit Hochdruck an dem Thema gearbeitet. „Das ist im Moment eine ganz wichtige Debatte“, sagt ein Insider.

Und tatsächlich registrieren die EZB-Ökonomen Anzeichen für eine Besserung der wirtschaftlichen Leistungskraft – auch wenn es laut Trichet zu früh ist, um die Schätzungen offiziell anzupassen. Noch vor gut einem Jahr hatte es geheißen, das Potenzialwachstum liege eher am unteren Rand einer Spanne von 2,0 bis 2,5 Prozent. Zuletzt hatte der Zentralbankrat die Größe laut Trichet auf „etwa 2,25 Prozent“ taxiert. Auch bei der Berechnung ihrer Wachstumsprognosen verwendet die EZB intern Werte in der oberen Hälfte der Spanne.

Ein wichtiger Grund für den Optimismus ist, dass die Europäer produktiver werden. Für dieses Jahr sagt die EU-Kommission in der Euro-Zone einen Anstieg des Outputs je Arbeitnehmer um 1,2 Prozent voraus – im Schnitt der vergangenen fünf Jahre waren es nur 0,7 Prozent.

Die entscheidende Frage aus Sicht der EZB ist, ob es sich hierbei um ein nur vorübergehendes Phänomen handelt oder nicht.
Laut Trichet ist ein Teil des Anstiegs „wahrscheinlich eher zyklischer Natur“ – etwa weil die Unternehmen zu Beginn eines Aufschwungs erfahrungsgemäß bei Einstellungen zögerlich sind, obwohl ihre Auslastung schnell steigt.

Indes wird in den Analyseabteilungen der EZB auch wahrgenommen, dass die Investitionen zugenommen haben. Dies könnte für eine dauerhafte Produktivitätsverbesserung sprechen – die Menschen arbeiten mit moderneren Maschinen.

Die EZB hat zudem darauf hingewiesen, dass die offiziellen Daten das Produktivitätswachstum möglicherweise unterschätzen, weil der Ausbau des Niedriglohnsektors in der EU viele Menschen mit geringer Produktivität in die Statistiken spült. Man brauche alles in allem „noch Zeit“, um sich ein endgültiges Urteil zu bilden, heißt es.
Neben der Produktivität förderten auch die jüngsten

Arbeitsmarktreformen das Potenzialwachstum. So können Kürzungen bei der Arbeitslosenunterstützung den Anreiz zur Jobaufnahme erhöhen. Wenn mehr Menschen arbeiten, kann die Wirtschaft schneller wachsen. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft hat vor allem aus diesem Grund seine Schätzung für das deutsche Wachstumspotenzial kürzlich fast verdoppelt.

Eine derart deutliche Anpassung ist von der EZB nach allem, was zu hören ist, nicht zu erwarten. Auch wenn die Notenbank nachbessert, dürfte das Potenzial vorerst innerhalb des Korridors von 2,0 bis 2,5 Prozent bleiben – schon weil die starke Alterung der Bevölkerung in der Euro-Zone das Arbeitsangebot verknappt. Die zinspolitischen Folgen wären deshalb deutlich geringer als in den USA.

Ohnehin sind diese komplex. Denn kurzfristig ist ein höheres Potenzialwachstum zwar ein Argument für niedrigere Zinsen – was jene im EZB-Rat stärken dürfte, die sich für einen vorsichtigen Kurs in der Geldpolitik aussprechen. Den Falken käme damit eine Revision deshalb zum jetzigen Zeitpunkt wohl eher ungelegen.

Auf längere Sicht aber spricht ein höheres Potenzial für höhere Zinsen. Denn das Zinsniveau sollte sich nach gängiger Lehre langfristig am Wirtschaftswachstum orientieren – weil nur so gewährleistet wird, dass Kapital effizient eingesetzt wird.

Das wiederum dürften die Falken gern hören.
 

Von Mark Schieritz

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