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… eine Jahresrate

13. Juni 2007

Ab und zu taucht in Wirtschaftsmeldungen ein seltsames Wort auf: "annualisiert" oder "auf Jahresrate hochgerechnet". Leicht zu überlesen, doch fürs Verständnis zentral.

 
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In den Wirtschaftslexika, die der Autor dieser Zeilen zur Verfügung hat, steht nichts dazu. Scheint tatsächlich nicht wichtig zu sein. Ignorieren?

Das hätte nur leider den kleinen Nebeneffekt, dass man ein vollkommen falsches Bild über die Lage der Weltwirtschaft bekommt  – insbesondere, über die Wirtschaft der USA. Bei Vergleichen zwischen Europa und den USA ist deswegen Vorsicht angesagt.

In einer anderen Szene ist es ganz selbstverständlich: Ein Sparbuch haben Sie ja wohl nicht mehr, aber sicher ein Festgeldkonto. Dafür bekommen Sie Zinsen und zwar für jeden Tag. Ihr Geld vermehrt sich also mit jedem Tag (allerdings unterjährig leider ohne Zinseszins). Käme jemand auf die Idee, Ihnen zu erklären, dass sich Ihr Vermögen jeden Tag um etwa 0,02 Prozent vermehrt, würden Sie den Kopf schütteln, vielleicht die Bank wechseln. Was Sie interessiert, ist die Zinsrate auf ein Jahr hoch gerechnet. Die Frage lautet: Welcher Zinssatz würde sich ergeben, wenn ich das Geld ein Jahr lang auf dem Konto lassen würde?

Genau so machen es die Amerikaner bei der Konjunktur. Im ersten Quartal 2007 wuchs das US-Bruttoinlandsprodukt mit 0,6 Prozent – „at an annual rate“. Wenn die konjunkturelle Dynamik ein Jahr lang genau in dieser Geschwindigkeit weiter liefe, läge das BIP nach einem Jahr um 0,6 Prozent höher. Tatsächlich lag der Ausstoß aber nur 0,15 Prozent über dem des Vorquartals. In Europa hätte man also für genau die gleichen BIP-Zahlen gesagt: „plus 0,15 Prozent“. Selbstverständlich darf man das nicht verwechseln mit der Veränderung zum Vorjahresquartal, denn da spielt die Veränderung der Dynamik in den drei vorherigen Quartalen mit rein.

Vor- und Nachteile? Zum Verständnis der Dynamik am aktuellen Rand ist der amerikanische Weg hilfreich und wie das Beispiel aus der Welt der Zinsen zeigt, auch völlig einleuchtend. In den USA werden sogar einige Niveau-Größen, wie z.B. monatliche Hausbaustatistiken, auf Jahresrate hochrechnet. 

In Europa werden einer objektivistischen Statistiktradition folgend, die Veränderungsraten zum Vorquartal, sowie zum Vorjahr herangezogen. Das Problem dabei: Die Quartalszahlen sind systematisch niedrig, auch wenn die Dynamik stark ist. Mit anderen Worten: 0,6 Prozent ist für eine Quartalsrate ordentlich, für eine Jahresate schwach.

Um die annualisierte Jahresrate in eine europäische Rate zum Vorquartal umzurechnen, gibt es eine Faustregel: Jahresrate durch vier teilen, dann hat man die normale Rate. Das funktioniert bei den üblichen Größenordnungen. Wer es genau haben will, tippe in seinen Taschenrechner: Rate geteilt durch 100, plus 1 und das Ganze mit der vierten Wurzel behandeln. Dann die Eins wieder abziehen und wieder mit 100 mal nehmen – fertig.

Sagen Sie beim nächsten Empfang in Gegenwart von Ökonomen einfach, Sie tränken den Champagner ja üblicherweise literweise – auf Jahresrate hochgerechnet.

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