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Die graue Revolution am britischen Arbeitsmarkt

20. Juni 2007

Zusammen mit den Einwanderern aus Osteuropa sorgen die Senioren in Großbritannien für einen positiven Angebotsschock. Engpässe drohen vorerst nicht – mit wichtigen Konsequenzen für die Geldpolitik.

 

Großbritannien – einst geradezu das Synonym für Boom-Bust-Konjunkturzyklus – hat sich unter den Industrieländern geradezu zu einem Marathonläufer in Sachen konjunktureller Expansion entwickelt. Das Land expandiert nunmehr seit der EWS-Krise 1992/93 ununterbrochen. Und in den letzten Jahren zudem mit realen Wachstumsraten von nahezu drei Prozent.

Normalerweise würde man nach einer solch langen Aufwärtsentwicklung erwarten, dass sich Kapazitätsengpässe am Arbeitsmarkt herausbilden, die Löhne ungewöhnlich stark steigen, die Gewinnmargen der Unternehmen erodieren und letztlich in eine Rezession münden. Doch lässt sich so ein Befund derzeit in keiner Weise stellen. Zwar schuf die britische Wirtschaft seit 2000 insgesamt 1,6 Millionen neue Stellen, dennoch ist die Arbeitslosenquote (nach internationaler Definition) seit der kurzzeitigen Verlangsamung im Wachstumstempo des Jahres 2005 um 0,8 Prozentpunkte auf 5,5 % gestiegen und verharrt seither auf diesem Niveau.

Im typischen Ökonomen-Sprech kann man eine solche Kombination als „positiven Angebotsschock“ klassifizieren. Weil deutlich mehr Menschen arbeiten können und wollen, kann deutlich mehr produziert werden bzw. erhöht sich bei Konstanz der Arbeitslosenquote die jährliche Wachstumsrate.

Interessant am Fall Großbritannien ist dabei freilich die Quelle des zusätzlichen Arbeitsangebots: es handelt sich zu einem beträchtlichen Teil um Personen im gesetzlichen Renteneintrittsalter von 65 Jahren. Seit 2000 sind 400.000 Beschäftigungsverhältnisse in dieser Altersklasse zusätzlich entstanden. Vereinfachend kann man somit davon sprechen, dass immerhin jede vierte neue Stelle auf einen „Erwerbs-Rentner“ zurückgeht.

Ein wenig unklar ist dagegen, woraus sich diese Entwicklung speist: Ähnlich wie in Deutschland gibt es einen Beschluss, das gesetzliche Renteneintrittsalter sukzessive anzuheben. Allerdings beginnt dieser gleitende Anstieg erst ab 2010. Eine positive Variante zur Erklärung des Phänomens ist, dass die heutige Rentnergeneration sich einfach noch fit genug fühlt, „um ein paar Jahre dranzuhängen“. Eine negative dagegen, dass durch die Umstellung der Anpassungen der Basic State Pension von der Lohn- auf die reine Preisentwicklung in den 80er Jahren die relativen Einkommen der Rentner so stark abgesunken sind, dass manche aus schierer materieller Not weiterarbeiten.

Hier soll es jedoch um eine mit diesem Phänomen verbundene zentrale  makroökonomische Fragestellung gehen. In der Bank of England ist derzeit eine sehr interessante Debatte um den geldpolitischen Kurs entbrannt: Auf der einen Seite die Mehrheitsfraktion um Mervyn King, die tendenziell weiteren Bedarf für höhere Zinsen sieht. Diese hat das Gefühl, das die Konjunktur bereits an der Kapazitätsgrenze läuft und gut eine Abkühlung vertragen könnte. Freilich haben sich die von dieser Fraktion noch Anfang des Jahres befürchteten sehr hohen Lohnsteigerungen nicht materialisiert.

Auf der anderen Seite das MPC-Mitglied David Blanchflower, der eigentlich bislang immer gegen die Mehrheitsentscheidung seiner Kollegen in Sachen Zinsen gestimmt hat. Blanchflower hat verschiedentlich auf den oben skizzierten Angebotsschock hingewiesen, wobei er freilich eher die Zuwanderung aus Osteuropa denn die Rentner im Blick hatte. Für ihn hat dies freilich die interessante Frage aufgeworfen, wie lange der Angebotsschock denn noch andauern werde. Entsprechend komplex fiel seine Antwort aus: Solange man valide Anzeichen für eine Fortsetzung der Angebotsexpansion habe, sprich die Arbeitslosenquote sich nicht verändere, brauche man auch nicht notwendigerweise mit höheren Zinsen gegenzusteuern.

Wenn man die deutliche Zunahme der Erwerbsbeteiligung von Rentnern mit in den Blick nimmt, könnte man wohl noch ein wenig optimistischer sein, was eine Fortsetzung der Ausdehnung des Arbeitsangebots in Großbritannien angeht als Blanchflower mit seiner Konzentration auf Einwanderung aus Osteuropa. Denn wie bereits skizziert wird das gesetzliche Renteneintrittsalter ja ab 2010 sukzessive auf 68 Jahre steigen, so dass der aktuelle Trend einer steigenden Erwerbsbeteiligung der Generation 65+ weiter anhalten sollte. Freilich bleibt auch dann die Fragestellung von Ausmaß und Dauerhaftigkeit dieser Entwicklung erhalten. Denn wir wissen über die individuelle Motivation der beobachtbaren Verlängerung der Lebensarbeitszeit verhältnismäßig wenig.

Entsprechend viel Gewicht muss deshalb bei der Beurteilung der Politik der Bank of England auf die Detailanalyse der konkreten Arbeitsmarktzahlen aus dem Labour Force Survey gelegt werden. Es kann nämlich durchaus sein, dass die graue Revolution am Arbeitsmarkt eines Tages einfach wieder abebbt und sich die Kombination aus hohem Wachstum und gedämpfter Inflation auch in Großbritannien sich nicht ewig fortsetzt. Das entscheidende Indiz dafür wäre im Auftreten einer Kombination zu sehen, wo das Jobwachstum abflacht, die Arbeitslosenquote aber dennoch steigt.

David Milleker ist Chefvolkswirt der Union Investment 

Von David Milleker

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