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So wird Inflation nie ein Problem

26. Juni 2007

An dieser Stelle lesen Sie im Wirtschaftswunder jeden Dienstag das Stück der Woche aus der FTD-Finanzmarktkolumne „Das Kapital“.

Die US-Inflationsdaten haben schon Charme. Insgesamt sind die Verbraucherpreise über die vergangenen sechs Monate zwar mit einer annualisierten Rate von 5,5 Prozent gestiegen, seit Februar gar um sieben Prozent. Doch obwohl 5,5 Prozent laut Conference Board ziemlich exakt den Inflationserwartungen der Verbraucher entsprechen – die übrigens seit den frühen 90ern partout nicht wahrhaben wollen, dass in den USA Preisstabilität vorherrscht –, ficht das die Anleger nicht an, da sich der Zuwachs der Kernverbraucherpreise, also jene ohne die lästigen Kategorien Energie und Nahrungsmittel, ja brav verlangsamt.
Allerdings strotzt selbst der Kernindex vor Merkwürdigkeiten. Dass die Zunahme der kalkulatorischen Mieten für selbstgenutztes Wohneigentum, die rund 30 Prozent des Kernindex ausmachen, im Monatsvergleich auf 0,1 Prozent gesunken ist, mag wegen des Überangebots auf dem US-Hausmarkt plausibel erscheinen, wenngleich die gemessenen Mieten um 0,3 Prozent zugelegt haben. Doch hatten uns die US-Statistiker während des Immobilienbooms die niedrigen Mietsteigerungen nicht damit erklärt, dass die Schätzung der kalkulatorischen Mieten auf einem Opportunitätskostenansatz beruht? Je höher die Hauspreissteigerungsraten und je niedriger die Zinsen, desto geringer seien die Alternativkosten des Wohneigentums – und desto weniger Miete müsse ein Hausbesitzer sich folglich selbst berechnen, hieß es. Nichts dagegen. Nur wie kommt es dann zur jetzigen Mäßigung der kalkulatorischen Mieten, nun, wo die Hauspreise doch fallen und die Zinsen steigen?

Realzinsen

Bemerkenswert auch der angebliche Rückgang der Autopreise, der nunmehr seit Ende 1996 anhält und kumuliert auf sechs Prozent taxiert wird. Denn obwohl der Autoabsatz seit 1998 stagniert, haben die Einzelhandelsumsätze mit Autos seither ja fast um zwei Fünftel zugelegt. Qualitätssteigerungen, Wettbewerb und Absatzstruktur mögen den dennoch unterstellten Preisrückgang erklären. Bloß kann man es auch übertreiben. Autos sind ein handelbares Gut, die US-Importpreise für Autos steigen beständig, und obwohl auch der hiesige Markt umkämpft ist, sind Neuwagen in Deutschland seit Ende 1996 laut statistischem Bundesamt um 14,4 Prozent teurer geworden. Ähnliche Diskrepanzen ergeben sich etwa bei Bekleidung, wobei hier die jüngsten Rückgänge auf der US-Verbraucherpreisebene so gar nicht mit den Import- und Erzeugerpreisdaten zusammenpassen wollen.
So viel auch zu der These, dass der jüngste Anstieg der langfristigen Zinsen nicht aus Inflationsangst stattgefunden hat, sondern eine Zunahme des Realzinses reflektiert. Kann man diesen Schluss aus dem Vergleich zwischen den Renditen nominaler und inflationsgekoppelter Anleihen wirklich ohne Weiteres ziehen, wenn Letztere an einen Verbraucherpreisindex wie den beschriebenen gekoppelt sind?
Und selbst wenn: Müsste man den Rentenmarkt dann nicht so interpretieren, dass höhere Realzinsen nun schlicht nötig sind, um die Inflation zu stabilisieren? Denn auch wenn es Indizien für eine – zumindest vorübergehende – Beschleunigung des US-Wachstums gibt, das im ersten Quartal kaum mehr zu messen war: Aus den gleichzeitig vermeldeten Daten, wonach das Vorjahresplus der US-Industrieproduktion auf 1,6 Prozent gesunken ist, das Michigan-Verbrauchervertrauen zum sechsten Mal in acht Monaten gefallen ist und die realen Stundenlöhne um 1,1 Prozent zulegen, rührt der Anstieg der inflationsgekoppelten Zehnjahresrendite von 2,2 auf 2,74 Prozent binnen sechs Wochen wohl kaum.

 

Von Jörg Berens

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