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Fachkräftemangel – war da was?

14. August 2007

Der Aufschwung sei zu schwach, um Geringqualifizierte zu integrieren. Er sei aber auch so stark, dass inzwischen Fachkräftemangel herrscht. Zwei oft gehörte Thesen. Ein Widerspruch?

In Deutschland ist in den vergangenen zwei Jahren der Arbeitsmarkt kräftig ins Laufen gekommen. Das lässt sich an drei (jeweils saisonbereinigten) Zahlen für Juli 2007 gegenüber Januar 2005 deutlich machen: Zahl der nichtgeförderten offenen Stellen +167.000 (auf nun 428.000), Rückgang der Arbeitslosenquote um 2,6 Punkte auf 9,0 % und Rückgang der Arbeitslosenzahl um 1,027 Millionen auf 3,769 Millionen.
In einem Beitrag für das WirtschaftsWunder-Portal im Februar dieses Jahres hatten wir die – inzwischen durch die bisherigen Tarifrunden bestätigte – These aufgestellt, dass die Verbesserung am Arbeitsmarkt dieses Jahr zu einer Umkehr in der deutschen Lohnentwicklung führen würde.

Doch trotz der offensichtlichen Trendwende zum Besseren am deutschen Arbeitsmarkt zeigt sich die öffentliche Diskussion um dieses Thema gegenwärtig nach wie vor kritisch: So wird auf der einen Seite beklagt, dass die Erholung am Arbeitsmarkt derzeit sowohl an den Langzeitarbeitslosen als auch den Geringqualifizierten vorbeigeht. Auf der anderen Seite wird die Mahnung vor einem Fachkräftemangel wie auch der Ruf nach einer vermehrten Zuwanderung zu dessen Vermeidung lauter.

Quer zu diesen beiden Kritikpunkten steht, dass im Juli 683.000 Bewerber für eine Berufsausbildung einem Angebot für solche Stellen in der Größenordnung von nur 430.500 gegenüberstanden. Obwohl sich die Ausbildungsstellenlücke gegenüber dem Vorjahr zwar um 11.400 reduzierte, sehen wir also immer noch einen erheblichen Bewerberüberhang. Zumal das Gros des Ausbildungsstellenzuwachses von insgesamt +28.500 noch nicht einmal auf betriebliche Ausbildungsstellen (+9.900) entfiel. Eine durchaus berechtigte Frage ist, welcher Kritikpunkt denn nun jetzt eigentlich zutrifft. Der der unzureichenden Integrationskraft des Aufschwungs oder der des Fachkräftemangels?

Die ökonomische Antwort dafür muss wohl lauten, dass zwischen beiden die Faktoren Geld und Zeit liegen. Denn jedes Unternehmen steht immer vor der Entscheidung, ob es sich eine qualifizierte Arbeitskraft über den Markt „einkauft“ oder selbst ausbildet. Ausbildung dauert aber nicht nur seine Zeit, sondern erfordert auch, dass man bereits eingearbeitete Mitarbeiter aus dem Produktionsprozess herausnimmt, um sich um den Azubi zu kümmern. Und das häufig ohne die Garantie, auch jeden frisch qualifizierten Arbeitnehmer auf Dauer halten zu können.

Diese „make-or-buy“ Entscheidung wird erst dann in Richtung eigener Ausbildung fallen, wenn die Löhne der bereits qualifizierten Arbeitnehmer hinreichend weit über denen eines noch auszubildenden Arbeitnehmers liegen. So ist auch zu erklären, warum geringqualifizierte Personen in der Regel erst sehr spät vom Aufschwung erfasst werden und sich auch erst dann die Ausbildungslücke in einen Engpass verwandelt.
Eine Reihe von Industrieländern wie Großbritannien oder Schweden haben seit Mitte der 90er Jahre gezeigt, dass sich ein hoher Sockel an Langzeitarbeitslosen in einem langen wirtschaftlichen Aufschwung durchaus abbauen lassen kann.

Deutschland hatte dagegen eine ganze Reihe von negativen Schocks im Zuge der Wiedervereinigung zu verdauen, weshalb die konjunkturellen Belebungsphasen nie ausgereicht haben, um auch die „Problemsegmente“ des Arbeitsmarktes zu erreichen. Heute kann man mit gutem Grund hoffen, dass dies in den nächsten Jahren anders sein wird.

Der Befund, dass ein Fachkräftemangel sich auch durch den Einsatz von Zeit und Geld bei einem anhaltenden konjunkturellen Rückenwind beheben lässt, spricht nicht gegen eine gezielte Einwanderungspolitik in Deutschland. Er spricht jedoch gegen einen neuerlichen Schnellschuss à la Green Card („Computer-Inder“). Denn über Zuwanderungspolitik ein Detailmanagement des Arbeitsmarktes betreiben zu wollen, hilft weder den Problemgruppen am Arbeitsmarkt, noch dient es einer vernünftigen Ressourcenentwicklung.

David Milleker ist Chefvolkswirt der Union Investment 

Von David Milleker

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