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… volkswirtschaftliche Schäden

15. August 2007

Ob Eisenbahnerstreik, Maul- und Klauenseuche oder Klimawandel. Bei jeder neuen Katastrophe tauchen prompt die ersten Zahlen darüber auf, „was uns das kostet“.  Wie kommen diese Zahlen eigentlich zustande?

 
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Beispiel Eisenbahnerstreik. Das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft rechnete bei einem Lokführerstreik im Güterverkehr mit täglichen Verlusten von 120 Mio. Euro, wenn die Hälfte des Bahn-Güterverkehrs lahm läge. Das Berliner DIW kam für den gesamten Eisenbahnverkehr auf 500 Mio. Euro Schaden für die Volkswirtschaft pro Tag.

 

Mit volkswirtschaftlichem Schaden ist dabei in erster Linie Produktionsausfall gemeint. Sollten etwa die Lokführer streiken, bedeutet das für viele Firmen, dass ihre Bänder still stehen, weil die Anlieferungszeiten gut aufeinander abgestimmt sind. Das IW ging  von einem Wert der täglich mit der Bahn beförderten Güter in Höhe von 240 Mio. Euro aus. Grundlage dafür war der Bahn-Anteil an den deutschen Gütertransporten von 17 Prozent.

Der Haken dabei: Unternehmen haben Puffer, Kraftwerke und Strahlproduzenten etwa bunkern Rohstoffe und können deshalb auch Tage ohne Nachschub überbrücken. Tatsächlich gilt für jede Branche, für jeden Betrieb eine spezifische Zeitdauer, ab der es kritisch wird. Teilweise lassen sich die Ausfälle wieder aufholen. Von Schaden kann man aber streng genommen nur reden, wenn der Rückstand irreversibel ist, also (kurzfristig) nicht mehr aufgeholt werden kann.

Ein Streik führt aber auch dazu, dass Fahrgäste nicht am Arbeitsplatz erscheinen können. Oder sie suchen nach Alternativen wie z.B. Taxifahrten. Das heißt für sie höhere „Transaktionskosten“ – volkswirtschaftlicher Schaden. Dass die Taxifahrer mehr Umsatz machen als sonst, bedeutet für die Volkswirtschaft allerdings einen Zusatznutzen. Was zählt ist der Saldo.

In der Theorie sollten alle diese Kosten berücksichtigt werden, in der Praxis muss man sich auf sehr grobe Schätzungen beschränken. Die Berechnung stößt außerdem auf grundsätzliche Schwierigkeiten: Im Gegensatz zu einem Haushalt oder ein Betrieb sind an einer Volkswirtschaft viele Menschen beteiligt. Was dem einen schadet, nützt dem anderen. Deckt der Sturm das Dach ab, bedeutet das mehr Nachfrage für die Dachdecker.

Ähnlich ist es bei den Kosten des Klimawandels, die das DIW in einer kürzlichen Studie im Hauptszenario für den Temperaturanstieg bis 2050 auf 800 Mrd. Euro geschätzt hat. Auch diese Zahl ist ein Saldo aus Kosten für Verliererbranchen wie Skitourismus und Gewinnerbranchen wie Katastrophenschutz.

Solchen Kosten-Nutzen-Berechnungen  erfassen allerdings immer nur, was sich finanziell widerspiegelt. Neue Wege gehen deshalb die Glücks-Forscher. Dieser Ökonomie-Zweig erfreut sich in jüngster Zeit zunehmenden Interesses in der Branche. Dabei werten Ökonomen Umfragen aus, die es erlauben, statistische Zusammenhänge zwischen verschiedenen Ereignissen und der Zufriedenheit der Menschen zu ermitteln. Damit lassen sich nicht-geldmäßige Kosten, etwa von Arbeitslosigkeit oder Lärmbelästigung messen. Stand der Forschung derzeit: Solche „nicht-pekuniären“ Kosten sind oft höher als die im Geldbeutel spürbaren Verluste.

Sagen Sie beim nächsten Empfang in Gegenwart von Ökonomen einfach, die Glücksforschung zeige ja ganz neue volkswirtschaftliche Schäden auf, die man bislang gar nicht gesehen habe.

 

 

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