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AusSicht des Kapitals – Weichwährung

25. September 2007

An dieser Stelle lesen Sie im Wirtschaftswunder jeden Dienstag das Stück der Woche aus der FTD-Finanzmarktkolumne „Das Kapital“.

Es gibt ziemlich genau ein Argument zugunsten des Dollar. Und es könnte stark genug sein, um einen freien Fall der US-Währung zu verhindern: dass die Wirtschaft auch in Europa nachgibt – unter anderem wegen des Dollar und der US-Nachfrageschwäche selbst, neben den Öl- und Nahrungsmittelpreisen, aber auch deswegen, weil die Kreditkrise die hiesige Konjunktur ebenfalls drosseln wird. Denn das passt überhaupt nicht ins Bild der meisten Anleger, die die europäische Wirtschaft für unangreifbar halten. Viele dürften auf dem falschen Fuß erwischt werden.
Ansonsten fällt es schwer, auch nur ein gutes Haar am Dollar zu lassen. Sicher, an der Kaufkraft gemessen ist er sehr billig. Aber das gilt schon seit Jahren. Auf handelsgewichteter Basis ist er seit Anfang 2002 nominal um gut, real um knapp ein Fünftel gefallen. Das US-Leistungsbilanzdefizit ist seither per saldo von 4 auf 5,5 Prozent des BIP gestiegen – trotz guter Weltkonjunktur. Fast noch bedenklicher: Der – über vier Quartale summierte – Saldo der Direktinvestitionen hat seither von minus 23 auf minus 94 Mrd. $ zugenommen, was nicht gerade dafür spricht, dass sich die relativen Standortvorteile der USA aufgrund der Dollar-Abwertung massiv verbessert hätten. Im Gegenteil, gerade jene US-Sektoren, die handelbare Güter herstellen, leiden weiter unter relativ schwacher Rentabilität. Insgesamt ist der Anteil der Ausrüstungsinvestitionen am BIP seit Anfang 2002 von 7,7 Prozent auf dürftige 7,3 Prozent gefallen; auf steigende Kapazitäten, mit denen eine zunehmende Exportnachfrage bedient werden könnte, deutet das kaum hin.

Die Rolle der Fed

Dass sich der Anstieg der US-Arbeitsproduktivität über die vergangenen drei Jahre im Durchschnitt auf magere 1,25 Prozent verlangsamt hat, spricht insofern Bände. Und hier kommt die Fed ins Spiel. Denn aus Angst vor den Folgen des Endes der Kreditsause hat sie ihren Leitsatz von ohnehin mickrigen 5,25 auf 4,75 Prozent gesenkt, während die Lohnstückkosten im zweiten Quartal um 4,9 Prozent über dem Vorjahr lagen, während die Kredite an die US-Verbraucher im zweiten Quartal immer noch um acht Prozent zulegten, jene an die nichtfinanziellen Firmen gar um 9,9 Prozent, und während die Geldmenge „Money of Zero Maturity“ per Anfang September den Stand des Vorjahres um sage und schreibe 11,3 Prozent überstieg. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, hat die Fed den Märkten auch noch signalisiert nachzulegen, falls die Kredite nicht bald wieder ungebremst fließen.
Dazu noch die inflationären Konsequenzen bedacht, die sich aus dem Dollar-Verfall selbst ergeben, kann es einem angst und bange werden. Aus Sicht der Zentralbanken im Rest der Welt ist es da fast schon unverantwortlich, Währungsreserven in Dollar zu halten, der gegenüber den wichtigsten Pendants 2007 auf den niedrigsten Stand seit Ersterhebung in den frühen 70ern gefallen ist. Für die Privatanleger – die andere mögliche Finanzierungsquelle des US-Leistungsbilanzdefizits – stellt sich derweil weiter die Frage, was sie am US-Kapitalmarkt zu suchen haben. Im Verhältnis zum BIP liegt die US-Aktienmarktkapitalisierung um mehr als die Hälfte über dem Mittel seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Renditen auf Staatsanleihen sind geringer als die Zunahme der Lohnstückkosten. Und die Hauspreise sind seit Mitte der 90er um 70 Prozentpunkte schneller gestiegen als die Stundenlöhne.
Es ist noch nicht lange her, da hätte man bei einer solchen Gemengelage von einer Weichwährung gesprochen. Dass der Dollar nicht plumpst, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass der Euro-Raum oder Großbritannien ähnliche und eigene Krankheitssymptome aufweisen, von Japan ganz zu schweigen. Dennoch spricht vorerst das meiste für eine weitere Abwertung der US-Währung – gelegentlich unterbrochen durch europäische Konjunkturangst oder die Auflösung Yen-finanzierter Wertpapierkredite, die zu einem guten Teil auf dem Euro-Kapitalmarkt gelandet sein dürften.

 

Von Jörg Berens

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