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Einsichten zur Geld- und Fiskalpolitik in der EU

10. Oktober 2007

Kleiner Zwischenruf. In einer der zahlreichen offenen Tagungen ging es heute morgen um die Frage, wie man in der Währungsunion am besten Geld- und Finanzpolitik macht.

EZB-Ökonom Ludger Schuhknecht präsentierte dabei ein Paper, in dem er und zwei Kollegen aus dem Euro-Tower testeten, wie die Regierungen finanzpolitisch auf die Konjunktur reagieren. Ergebnis: es gibt in der Euro-Zone und vor allem in Deutschland einen ganz klaren Hang, der Konjunktur hinterherzulaufen. Die Löhne im öffentlichen Dienst steigen mit einer zeitlichen Verzögerung von einem Jahr immer dann, wenn die Konjunktur schon gut läuft – und umgekehrt. Was ökonomisch problematisch ist, weil es in den guten Zeiten womöglich besser wäre, mögliche Staatsdefizite wieder zurückzufahren.

Interessantes Ergebnis am Rande: genau umgekehrt verhält es sich in Ländern wie Dänemark, Schweden und Japan, die – Zufall oder nicht – gar keine Mitglieder der Währungsunion und damit auch nicht dem Stabilitätspakt unterzogen sind. In diesen Ländern gilt Mäßigung in guten Zeiten und Expansion in schlechteren Zeiten. Was den Verdacht bestätigen könnte, dass der Stabi-Pakt mit seinen relativ starren Defizitzielen eher dazu führt, dass die Regierungen prozyklisch reagieren, also Geld drauf legen, sobald die Konjunktur läuft, und in schlechten Zeiten den Abschwung durch rabiates Kürzen noch verstärken.

Interessant fand ich auch die Ausführungen mit Wiener Humor von Reinhard Neck zum vermeintlichen Austrokeynesianismus. Das ist, wie man heute lernen durfte, jener Versuch der österreichischen Regierung von Mitte der 70er Jahre, die Konjunktur über einen sehr expansiven Kurs vor der Krise zu bewahren. Neck räumte ein, dass das eine Zeit lang auch gelang und die Arbeitslosenquote immerhin gegen den internationalen Trend bis in die 80er Jahre stabil niedrig blieb. Die Kehrseite sei ein deutlicher Anstieg der östereichischen Staatsschulden gewesen („ohne dass Österreich eine Einheit hätte finanzieren müssen“).

Ketzerische Frage: Kann es sein, dass die Österreicher deswegen auch heute noch eine relativ niedrige Arbeitslosenquote haben, obwohl sie einen gar nicht so viel flexibleren Arbeitsmarkt haben? Bei den Nachbarn konnte sich Anfang der 80er Jahre auch keine Arbeitslosigkeit verfestigen, weil sie ja – anders als bei uns – auch gar nicht so stark gestiegen war. Das wäre auch konsistent mit den Thesen von Olivier Blanchard, wonach das europäische Problem vor allem darin besteht, die Arbeitslosigkeit nach Schocks nicht schnell genug wieder abzubauen. Wer den Schock erfolgreich abfedert, muss die Folgen anschließend auch nicht mehr abbauen.

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