Startseite > Chefökonom > Dem wirklichen deutschen Potenzial ein Stück näher

Dem wirklichen deutschen Potenzial ein Stück näher

22. Oktober 2007

In die rührenden Bemühungen, den gescholtenen Reformen der vergangenen Jahre plötzlich hohe Wachstumswirkung zuzuschreiben, hat sich jetzt auch die Bundesbank eingeschaltet – mit etwas wirklichkeitsnäheren Ergebnissen als…

 

 … bei manchem mutigen Schätzer der vergangenen Wochen. Dank der Reformen vor allem am Arbeitsmarkt wachse das Produktionspotenzial der deutschen Wirtschaft derzeit um 1,5 bis 1,75 Prozent, so die Bundesbank im neuen Monatsbericht. Von 2003 bis 2006 sei es nur 1,25 bis 1,5 gewesen. Macht: einen Zugewinn von 0,25 Prozentpunkten, der alleinige Beitrag der Arbeitsmarktreformen liege bei knapp zwei Zehntel Prozentpunkten.  

Gemessen an der Wachstumsbeschleunigung von knapp eins auf knapp drei Prozent zwischen 2003 und 2006/07 bedeutet das sozusagen, dass grob ein Zehntel des Aufschwungs reformbedingt ist, 90 Prozent aber reine Konjunkturdynamik ist. Was einiges plausibler klingt als etwa die Schätzung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), das den Anteil der Reformen kürzlich arg großzügig auf ein Drittel veranschlagt hatte (siehe hier). Oder die Diagnose des Berliner Ökonomen Michael Burda, der irgendwie den ganzen Aufschwung auf die prima Angebotspolitik der vergangenen Jahre zurückführt.

Auch bei den Bundesbank-Rechnungen staunt man dennoch über den hastigen Eifer, möglichst jede Besserung auf Reformen zurückzuführen und sich dabei rasch im Kreis zu drehen, nach dem Motto: weil die Arbeitslosigkeit annahmegemäß strukturbedingt war, muss der Rückgang der Arbeitslosigkeit definitionsgemäß ja mit besseren Strukturen zu tun haben. Dabei räumt selbst die Bundesbank ein, dass sich die Potenziale so stark gar nicht vergrößert haben – und selbst jetzt noch deutlich unter den Raten bleiben, die es selbst in den späteren 90er Jahren noch gab: in einer Zeit also, als es am Arbeitsmarkt definitiv weniger Flexibilität in Form von Minijobs, Ein-Euro-Jobs, Zeitarbeit und Arbeitszeitflexibilität gab als heute.

Auch ließe sich fragen, ob nicht auch die jüngste Erhöhung des Kapitalstocks, den die Bundesbanker als positiven Einfluss auf das Potenzial der Wirtschaft zitieren, in Wirklichkeit stark konjunkturell bedingt ist: Oder hätten die Unternehmen ihre Kapazitäten wirklich ernsthaft erweitert, wenn ihre Absatzaussichten nicht so viel besser geworden sind?

Vielleicht lässt sich das Strukturelle vom Konjunkturellen ja gar nicht so schön trennen, wie es Ökonomen und Bundesbanker gern annehmen. Könnte ja sein, dass die neue strukturelle Stärke der Unternehmen (ob nun reformbedingt oder nicht) nur deshalb zu höheren Investitionen und Kapazitäten führt, weil die Unternhemen diese Stärke erst im Aufschwung endlich ausspielen können. Dann würde es wenig helfen, so schön aufzuteilen zwischen dem Zuwachs an Potenzial und der schnöden Konjunktur. Dann müsste man eher darauf schließen, dass die besten Reformen kein Potenzialzuwachs bringen, solange eine Wirtschaft konjunkturell aus welchen Gründen auch immer stagniert (so wie das 2002 bis 2004 der Fall war).

Vielleicht wäre es auch erholsam, wenn deutsche Ökonomen und Bundesbanker sich weniger aufgeregt zu großen Mahnern machten – aus einem kuriosen Hang, die Menschheit vor Unheil bewahren zu wollen. Das käme im Zweifel ehrlicher herüber. Das Gros der neuen Jobs hat mit den angeblich großen Reformen schrecklich wenig zu tun – was ja nicht heißen muss, dass es keine guten Reformen gab. Es wäre nur sinnvoller, genauer hinzusehen, welche Reformen das waren. Schönen Gruß, Herr Beck.

 

%d Bloggern gefällt das: