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Die Kolumne – Freut euch, die Preise steigen

25. Oktober 2007

Die Deutschen regen sich über höhere Preise für Milch, Brötchen, Butter, Sprit und Gebühren auf. Warum? Ein großer Teil der Teuerungsschübe dient doch guten Zwecken – und ist manchmal sogar ein gutes Zeichen.

Nach Informationen der „Bild“-Zeitung ist der Wellensittich seit Januar um 1,6 Prozent teurer geworden, Zwiebeln um gut acht, eine durchschnittliche Kiwi um 19 und der Absatz eines Damenschuhs um 1,2 Prozent. Ganz zu schweigen vom Sprit, vom Brot und von der Butter. Furchtbar.

Die Deutschen sind in aller Regel bereit, Krisen mitzumachen – außer die Preise steigen. Dabei könnten wir gerade hier derzeit auch etwas mehr Bereitschaft zum Mitmachen zeigen. Immerhin dienen die höheren Preise bei näherer Betrachtung zu einem sehr großen Teil guten Zwecken. Nur Spenden ist schöner.

Gute Preisschübe, schlechte Preisschübe

Im September lag die deutsche Inflation bei 2,4 Prozent. Klingt viel. Allein 0,2 Prozentpunkte davon sind nach Rechnung der führenden Forschungsinstitute allerdings darauf zurückzuführen, dass einige Bundesländer im April Studiengebühren eingeführt haben. Das mag man doof finden. Das Gros der Ökonomen hat aber versprochen, dass wir dadurch künftig viel bessere Studenten, Forscher und Entdecker haben werden. Das hat halt seinen Preis.

Ein weiteres Zehntel Teuerung kommt wahrscheinlich daher, dass mittlerweile viel Landwirtschaftsfläche für die Herstellung alternativer (agrarischer) Kraftstoffe gebraucht wird – also der Rettung der Welt dient. Das dürfte die Nahrungsmittelpreise hochgetrieben haben, die natürlich auch deshalb stark stiegen, weil endlich die Milchseen und Butterberge weg sind, die wir jahrzehntelang so fürchterlich fanden. Wenn das nichts Gutes ist.

Zu berücksichtigen wäre außerdem, dass die hohen Preise ja auch Positives bewirken: etwa dass ganz Lateinamerika seit drei Jahren boomt, weil sich Rohstoffe nach Jahrzehnten mickriger Erlöse und sinkender Weltmarktkurse endlich wieder etwas besser verkaufen lassen.

Dazu kommen bei uns geschätzte 1,3 Prozentpunkte Preissteigerung, die von den Deutschen bekanntlich in Form von Mehrwertsteuern dem Finanzminister überlassen wurden, damit Peer Steinbrück unser Staatsdefizit auf null bringt. Weshalb wir nach Jahren peinlicher Vorstellungen diesbezüglich jetzt als das große Industrieland mit den solidesten laufenden Staatsfinanzen glänzen. Wahnsinn.

All das macht zusammen bereits so viel gute Inflation, dass rein rechnerisch eine (unschöne) Restteuerung von weniger als ein Prozent übrig bleibt. Davon träumen andere. Wobei man noch abziehen könnte, dass rund 0,6 Prozent der gesamten deutschen Lebenshaltungskosten seit 2000 für höhere Tabaksteuern draufgingen, was ja auch irgendwie eine gute Tat und eine Investition in die Zukunft ist.

Bei all dem ist noch nicht eingerechnet, dass es ohnehin in besseren Zeiten einfach so ist, dass Preise schneller steigen als in Krisen. Was sich auch im Quervergleich zeigen lässt: Im erfolgreichen Bayern und Baden-Württemberg stiegen die Lebenshaltungskosten seit 2000 mit 14 Prozent auch schneller als im trüben Mecklenburg-Vorpommern oder in Berlin (mit jeweils günstigen zehn Prozent). Frei nach Helmut Schmidt: lieber ein bisschen bayerische Inflation als Jobverhältnisse wie bei Merkels.

Es ist ja auch kein Zufall, wenn Handelskonzern X jetzt ankündigt, ab sofort nicht mehr mit „Geiz ist geil“ zu werben, weil es nicht mehr dem (konjunkturellen) Zeitgeist entspreche. Man kann es auch so sehen: Das teurere Brötchen ist im Grunde ein Zeichen, dass es uns wirtschaftlich besser geht. Ebenso wie der hohe Ölpreis in den vergangenen Jahren nach Expertenurteil vor allem ein Indiz globaler Wohlstandszuwächse und entsprechenden Energiebedarfs war. Da fühlt sich die Inflation doch gleich viel besser an.

Wirklich gefährlich würde all das, wenn es außer Kontrolle geriete. Wovon bislang schlimmstenfalls bei der Butter die Rede sein kann. Vielleicht auch irgendwann beim Öl. Anders als, sagen wir, beim handelsüblichen Wellensittich. Angesichts einer historischen Mehrwertsteuererhöhung ist es im Grunde sogar sensationell, dass die Inflation im Schnitt 2007 ähnlich niedrig ausfällt wie 2006 – trotz des ein oder anderen Ausreißers in diesen Wochen. Mit so wenig Inflation hatte kein Experte vorher gerechnet.

Inflation macht Studenten schlau

Der eigentliche Haken ist, dass die Deutschen eine Art Ressourcenproblem haben, um all die guten Zwecke zu erfüllen – und vielleicht auch deshalb etwas empfindsam auf mittelmäßig stark steigende Preise reagieren. Das Bruttogehalt eines Beschäftigten ist hierzulande vor lauter Maßhalten 2006 im Schnitt eben nur um 0,9 Prozent gestiegen – da reicht selbst eine historisch niedrige Inflation, um daraus Kaufkraftverluste werden zu lassen. Nach einer neuen Konsumstudie der HVB lagen die effektiv gezahlten Reallöhne vergangenes Jahr kaum höher als 1991 – die realen Renten sogar um mittlerweile fast zehn Prozent niedriger als damals.

Ein folgenschwerer Trend: Nach Diagnose von HVB-Ökonom Alexander Koch ist die Entwicklung des verfügbaren Einkommens „der mit Abstand wichtigste Bestimmungsgrund dafür, wie viel die Deutschen konsumieren“. Was zugleich heißt: Sollte der Aufschwung dazu führen, dass die Einkommen endlich steigen, ließe sich auch der ein oder andere Euro für die gute Inflation locker aufbringen.

Wenn Sie keine höheren Preise wollen, müssen Sie es sagen. Dann gibt es eben keine schlaueren Studenten, mehr tote Raucher, zunehmend bankrotte Bäcker, höhere Staatsdefizite und weniger Wohlstand in Lateinamerika. Und vielleicht auch keinen Aufschwung mehr. Bitte sehr.

E-Mail fricke.thomas@ftd.de

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