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Stärkt den Währungsfonds

25. Oktober 2007

Der Währungskonflikt zwischen China und dem Westen spitzt sich zu, es fehlt ein Mittler und Schlichter. Der IWF kann diese Rolle übernehmen – wenn Europa dort mehr Platz für China macht (deutsche Übersetzung).

D ie monetäre Kontroverse zwischen China und den sieben führenden Industriestaaten G7 heizt sich auf. Die Finanzminister der Euro-Zone haben sich auf die US-Position zubewegt und angekündigt, dass eine Delegation nach Peking fahren soll, um auf eine Aufwertung des Renminbi zu dringen. Die G7 betonen „die Notwendigkeit, eine beschleunigte Aufwertung des Renminbi zu erlauben“. Unterdessen gibt es nicht weniger als drei verschiedene Gesetzentwürfe im US-Kongress, die die US-Regierung in die Offensive zwingen, den Internationalen Währungsfonds (IWF) mit ins Boot holen und eine Klage gegen China bei der Welthandelsorganisation WTO initiieren wollen.

Erstmals seit dem Streit über den Yen Anfang der 80er hat sich eine monetäre Kontroverse so zugespitzt. Erstmals überhaupt geht es um ein Land, das immer noch sehr arm ist. Und erstmals haben die alten Mächte, die USA und Europa, sich zusammengetan in einem Wirtschaftsdisput mit der aufsteigenden Macht China. Daraus ergeben sich vier Fragen: Erstens, ist der Renminbi unterbewertet? Zweitens, spielt das eine Rolle? Drittens, wohin kann diese Schlacht führen? Und viertens, sollten die Europäer daran teilnehmen?

Zum ersten Punkt sind die Belege überwältigend: Nach allen Standards ist Chinas Währung klar unterbewertet. Trotz eines Wachstums von über zehn Prozent pro Jahr erreicht der Außenüberschuss 2007 nach den Prognosen zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts; in weniger als fünf Jahren stiegen Chinas Währungsreserven um über 1000 Mrd. $. Da überrascht nicht, dass fast alle Studien den Renminbi als mindestens 20 Prozent unterbewertet ansehen.

Peking bestreitet die Notwendigkeit einer Aufwertung gar nicht und hat 2005 ein neues Wechselkursregime mit etwas Flexibilität nach oben eingeführt. Das Problem ist: Die Aufwertung gegenüber dem Dollar läuft im Schneckentempo, während der Dollar selbst abwertet. Gegen einen Korb aller Währungen hat der Renminbi seit Einführung des Regimes um drei bis fünf Prozent aufgewertet. Es ist nicht einmal klar, ob sich die Lücke zwischen aktuellem und Gleichgewichtswert schließt.

Die zweite Frage ist schwieriger. Die Schnelllösungen aus dem Kongress sehen eine Aufwertung vor, um Billigkonkurrenz zu ersticken. Aber Chinas Kostenvorteile sind vor allem Folge des geringen Entwicklungsstands. Es gibt eine Reservearmee von Hunderten von Millionen armer, unterbeschäftigter Bauern, die allzu gern in die Städte ziehen wollen, solange sie dort nur mehr als das Existenzminimum verdienen. China ist ein Musterbeispiel für das, was der Ökonom Arthur Lewis einmal als Entwicklung mit unbegrenztem Arbeitsangebot beschrieben hat.

Wird eine Aufwertung da nicht gleich durch Lohnsenkungen kompensiert? Das hängt von anderen Politiken ab, die eine Aufwertung begleiten könnten. Seit der Entscheidung, Direktinvestitionen zu erlauben, hat China zahlreiche Verzerrungen zugunsten des Exportsektors hervorgebracht – von Steuerregeln bis zum Zugang zu Finanzmitteln. Die unterbewertete Währung ist nur eine davon. Eine deutliche Aufwertung – sagen wir, 10 oder 15 Prozent – würde kurzfristig die Exporte dämpfen, weil auch eine flexible Wirtschaft Zeit braucht, so etwas aufzufangen. Damit hätte die Regierung einen Anreiz, die Regulierungen zu beseitigen, die die Entwicklung anderer Sektoren behindern. Die Regierung würde auch die Inlandsnachfrage stützen, mithilfe der Finanzpolitik und mit dem Aufbau richtiger Sozialversicherungen, was helfen könnte, den Außenüberschuss zu senken. Eine Aufwertung würde Chinas Arbeiter nicht von der Landkarte verschwinden lassen – aber wenn sie groß genug ist, würde sie wohl zum Auslöser für ein gleichgewichtigeres Wachstum. Das wäre letztlich im Interesse Chinas.

Die USA und Europa haben also einen Punkt. Aber sie waren bisher nicht erfolgreich, und bei einer Finanzdiplomatie mit dem Megafon gibt es keine Erfolgsgarantie. Die Chinesen sind vorsichtig, weil Schocktherapie nicht zu ihrer Strategie gehört (davon hatten sie früher genug) und weil die Exportlobby Einfluss hat. So wächst der Druck, im Vorfeld der US-Wahlen könnte eine martialische Rhetorik entstehen. Das Szenario, das im Kongress vorgesehen ist, beinhaltet ein hohes Risiko, denn der IWF wird in den Entwicklungsländern misstrauisch beäugt. Es würde auch ein Nachkriegstabu gebrochen, weil Geld- und Handelsfragen verknüpft würden. Das zu einer Zeit, da die WTO womöglich die Doha-Runde nicht abschließen kann. Es beunruhigt, dass das multilaterale System nicht die Legitimität und Stärke hat, die es braucht, um zwischen Großmächten zu schlichten.

Die Europäer haben kaum eine Wahl: Anders als oft angenommen ist der chinesische Wechselkurs für sie so wichtig wie für die USA. Der Euro könnte zur Anpassungsvariable in dem großen Spiel werden, in dem die Wechselkurse ihr neues Gleichgewicht finden. Europa kann es sich nicht leisten, am Rand zu stehen. In Sachen Renminbi kann es eine eigene Taktik versuchen, aber in der Substanz gibt es keinen Grund, eine andere Position einzunehmen als die USA.

Die Europäer können sich für die internationalen Organisationen einsetzen, an deren Erhaltung sie interessiert sein müssen. Sie können dafür sorgen, dass diese als legitime Vermittler und Schlichter akzeptiert werden. Zu diesem Zweck sollten sie aber erkennen, dass sie einen Teil ihrer Sitze und Stimmen beim IWF an China und andere neue Mächte abtreten müssen. Die Zuspitzung von Währungskonflikten erinnert daran, dass der IWF nützlich ist. Aber auch daran, dass er alle Länder fair repräsentieren muss.

Von Jean Pisani-Ferry

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