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Die Kolumne – Vom Scheitern der Alt-76er

9. November 2007

Nach gut 30 Jahren strammer Angebotslehre hat sich selbst der treue Sachverständigenrat von der alten Bekenntnisökonomie weitgehend verabschiedet. Spät und zögerlich, aber zeitgemäß. Und aus gutem Grund.

Beim letzten Mal kam der Paradigmenwechsel mit Pauken und Trompeten. Als die Wirtschaftsprofessoren des Sachverständigenrats im November 1976 erstmals eine ganz neue „angebotsorientierte“ Politik empfahlen, stellten sie sich damit gegen große Teile der Ökonomenschaft und mussten nach eigenem späteren Bekunden eine hartnäckige „Déformation professionnelle“ überwinden.

Das Paradigma hat drei Jahrzehnte gehalten. Jetzt zeichnet sich eine neue Wende ab, wenn auch diesmal weit zögerlicher und ohne Blasmusik. Dabei gibt es gute Gründe, das Leitmotiv von der heiligen Angebotspolitik zu begraben. So wie es in den jüngsten Gutachten des Rats vorsichtig erkennbar wird. Die alte Bekenntnisökonomie wirkt reichlich überholt.

Als die Angebotskämpfer Mitte der 70er-Jahre loslegten, war ihr Poltern vor allem eine Art Antithese zu allem, was bei den Kollegen als gut galt. Es sei unsinnig und gefährlich, die Konjunktur zu steuern, statt die Angebots- und Rahmenbedingungen grundsätzlich zu verbessern – das führe nur zu Inflation, steigenden Staatsschulden und vor allem Unsicherheit.

Die Notenbanken sollten sich an langfristigen Geldmengenzielen orientieren, nicht mehr an kurzfristigen (Wachstums-)Problemen; die Regierung solle öffentliche Ressourcen verteilen und reduzieren – und nicht dem „Machbarkeitswahn“ nachhängen, die Wirtschaft steuern oder gar verstehen zu können. Über die Zahl der Jobs entschieden laut neuem Dogma allein die Tarifparteien, wobei es Lohnzuwächse eigentlich nicht mehr geben dürfe, weil die Arbeitslosigkeit sonst nicht sinke. Basta.

Fragwürdige Umkehrschlüsse

An manchem mag da etwas dran gewesen sein, es hat das deutsche wirtschaftspolitische Denken zumindest Jahrzehnte geprägt – und scheint in Vulgärvarianten noch heute manche Talkrunde zu bestimmen. „Seit Mitte der 70er-Jahre hat es keine Wirtschaftspolitik nach dem Muster der globalen Nachfragesteuerung mehr gegeben“, diagnostizierte 2003 der Top-Angebotstheoretiker Olaf Sievert, der 1976 Chef des Sachverständigenrats war.

Die Frage ist mittlerweile nur, ob das Dogma deswegen auch (oder: noch) richtig ist. Und ob die Umkehrschlüsse, die mit deutscher Gründlichkeit und Grundsatzliebe seitdem gezogen wurden, wirklich so viel weiterhelfen.

Klar spricht einiges dafür, dass sich eine kriselnde Wirtschaft nicht per se dadurch beleben lässt, dass man Löhne anhebt oder der Staat mehr ausgibt. Nur war es womöglich ebenso absurd anzunehmen, dass es egal ist, wie sich die Kaufkraft entwickelt und ob Einkommen und Konsum vor lauter Zurückhaltung stagnieren. Die Lohnzurückhaltung der letzten Jahre hat nicht automatisch mehr Jobs gebracht. Das ging erst los, als die (globale) Nachfrage 2006 Schub brachte. Jetzt setzen selbst orthodoxe Konjunkturauguren pragmatisch darauf, dass die Löhne 2008 „endlich“ wieder stärker zulegen. Um den Aufschwung zu stützen, falls der globale Schub nachlässt. Das klang bei Ur-76ern noch anders.

Ähnliches gilt für die Finanzpolitik. Die rot-grüne Erfahrung lässt vermuten, dass es wenig bringt, wie Hans Eichel mitten in der Krise den Haushalt sanieren zu wollen. Die Defizite blieben trotz Kürzungen und Abgabenerhöhungen über Maastricht-Limit. Die große Sanierung ist erst gelungen, als die Konjunktur anzog – in einer Zeit, als 2005/06 gar nicht weiter aktiv konsolidiert oder reformiert wurde. Nicht umgekehrt, wie es die Angebotslehre erwarten ließ.

Natürlich ist es eine prima Idee, dass Notenbanken mittelfristig vorhersehbar handeln und gleichmäßig besonnen Geld rausgeben sollten. Nur hilft der Grundsatz nichts, wenn sich die Geldmenge in der globalisierten Finanzwelt nicht so steuern lässt, wie es die Theorie vorschreibt. Oder wenn wie aktuell Finanzturbulenzen dazwischenkommen und sich die Frage aufdrängt, ob nicht die Notenbanken über sinkende Zinsen (US-Fed) oder ausgesetzte Zinserhöhungen (EZB) versuchen sollten zu verhindern, dass die Sache außer Kontrolle gerät. Ähnliches ließe sich für die Zeit nach dem Crash der New Economy sagen. Studien deuten darauf hin, dass Japans Wirtschaft ihre zehnjährige Krise hätte vermeiden können, wenn die Notenbank früher gegengehalten hätte. Auch das steht in keinem Angebotsgebetsbuch.

Erkenntniswandel ohne Blasmusik

Die Liste lässt sich nach ähnlichem Muster verlängern. Natürlich ist in den 70ern das Modell gescheitert, Wechselkurse fest vorzugeben und nur auf politisches Geheiß hin und wieder anzupassen. Nur hat sich seitdem eben auch herausgestellt, dass völlig freie Devisenkurse deshalb nicht unbedingt stabilisieren, wie es Monetaristen versprochen hatten. Siehe Dollar.

Heute gibt es neue Antithesen. Da geht es oft eher darum, wie Auswüchse dieser oder jener Liberalisierung wieder in den Griff zu kriegen sind. Siehe Finanzkrise. Oder die Einkommensverteilung: In unverdächtig liberalen Ländern wie den USA oder Großbritannien gibt es aus ähnlichem Grund (mittlerweile) Mindestlöhne. Da helfen Grundsatzappelle zur Brillanz von Angebotspolitik irgendwann nicht weiter.

Natürlich ist nicht alles planbar Nur ist das kein Grund, in einer Krise aus lauter Bibeltreue auf jede Hilfe zu verzichten – wenn sich die Krise zu verselbstständigen droht. Das führt in solchen Zeiten ja nicht dazu, dass die Leute „stabilere Erwartungen“ haben, wie es Angebotsapostel für den Fall weitgehender staatlicher Enthaltsamkeit einstmals vermuteten.

„Durch Angebotsreformen allein wird kein Aufschwung ausgelöst“, sagt der aktuelle Chefsachverständige Bert Rürup. Solche Reformen könnten sich erst auszahlen, wenn die Konjunktur einmal läuft. Plausibel: Seit der Aufschwung Anfang 2006 in Gang kam, purzeln Defizite und Arbeitslosenzahlen. Nicht umgekehrt. Das klingt wie die Antithese der Alt-76er, nach denen „die primären Impulse“ für einen Aufschwung „vom Angebot ausgehen“, das dann „selbst die Nachfrage hervorbringt“.

Es scheint, als schleiche der Paradigmenwechsel voran. Mehr dazu folgt.

E-Mail fricke.thomas@ftd.de

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