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Die Kolumne – Helft dem armen Dollar

23. November 2007

Die US-Währung verliert seit Monaten dramatisch an Wert. Das ist nicht nur für Exportweltmeister wie uns ziemlich doof. Es hilft auch den Amerikanern viel weniger, als sie es sich selbst schönrechnen. Ein Desaster

Amerikas Währung stürzt beinah atemberaubend. Noch atemberaubender ist nur, wie gelassen Notenbanker und Politiker bisher darauf reagiert haben – wie tief der Glaube sitzt, dass die Sache etwas Gutes hat und dass dank der Dollar-Entwertung Amerikas Exportdefizite endlich verschwinden. Billige Währung, gute Währung.

Dabei ist die These ziemlich gewagt. Wahrscheinlich wird der märchenhafte Dollar-Sturz weder am Problem US-Exportbilanz noch an den globalen Ungleichgewichten so sehr viel ändern. Könnte sogar sein, dass das Gegenteil passiert. Grund genug, Amerikas Träumer aufzuwecken und dem armen Dollar zu helfen – bevor dessen Absturz mehr Schaden anrichtet, als irgendwem wirklich zu nutzen.

Schlappe Bilanz des Dollar-Discounts

In der Theorie ist die Sache klar. Wird die Währung billiger, werden eigene Exportwaren für andere günstiger, der Export wird stimuliert. Rums ist das Defizit weg. In der US-amerikanischen Praxis scheint das schwieriger. Immerhin wertet der Dollar ja nicht erst seit drei Wochen ab, sondern im Trend seit 2002. Seitdem hat er im Schnitt mittlerweile ein Drittel seines Wertes gegenüber den Währungen der wichtigsten Partner verloren. Mit ernüchternden Folgen.

Amerikas Ausfuhren sind seither in keinem Jahr schneller gewachsen als die globalen Exporte. Der Weltmarktanteil bei Waren und Dienstleistungen sank sogar von 12,5 auf weniger als zehn Prozent – was nur zum Teil damit zu tun hat, dass Exporte anderer Länder wegen des höheren Wechselkurses zum Dollar jetzt auch höher bewertet werden. Rechnet man in nationaler Währung, legten die US-Verkäufe seit 2002 um 37 Prozent zu, zehn Prozentpunkte langsamer als die Ausfuhren der Deutschen.

Selbst wenn man die Exportleistung daran misst, wie hoch die US-Ausfuhren im Vergleich zur Importnachfrage der Handelspartner waren, fällt der Dollar-Discount schlapp aus (siehe Grafik). Laut OECD blieben die US-Verkäufe seit 2002 fast kontinuierlich hinter der Einfuhrdynamik im Rest der Welt zurück, verloren die US-Firmen also Marktanteile – statt zu gewinnen.

Nun könnte sein, dass der Dollar bald so günstig ist, dass das doch irgendwann wirkt. Ein paar Beschleunigungszeichen gibt es. Die Frage ist nur, ob das reicht. Wenn der Dollar-Sturz bisher so wenig geholfen hat, liegt das auch daran, dass etwa die Deutschen ab 2002 eifrig daran gearbeitet haben, Wettbewerbsnachteile durch Radikalkürzen aufzufangen: mit Binnendiscount gegen Dollar-Discount. Was dazu beigetragen hat, dass Kosten und Preise hierzulande nur etwa halb so schnell gestiegen sind wie in den USA. Und dass der reale, ums Inflationsgefälle bereinigte, Dollar so nur um 20 statt nominal gut 30 Prozent gefallen ist: Ein Drittel der Abwertung ist aus US-Exporteurssicht durch den Preiswettbewerb real verschwunden.

Und auch der Rest hat nur bedingt etwas gebracht. Bei den kriselnden Autoherstellern half irgendwann auch der Discount nichts mehr. Laut David Milleker, Chefökonom von Union Investment, reagieren US-Exporteure viermal empfindlicher auf ein Nachlassen oder Hochschnellen des Wirtschaftswachstums bei wichtigen Partnern (vor allem Europa) als auf wechselkursbedingte Preisverschiebungen.

Der Befund könnte auch das Paradox der vergangenen Jahre auflösen: Was die US-Exporteure dank Abwertung (mickrig) gewannen, verloren sie mehrfach dadurch wieder, dass etwa die Deutschen auf die Währungsverhältnisse mit einem Kürzungskurs reagierten, der die Preisverschiebungen teils auffing und die hiesige Nachfrage zugleich heftig bremste. Im Fall der USA könne eine Abwertung zu steigenden Außendefiziten führen, so Milleker. Das könnte bald wieder so sein. Und Klaus-Jürgen Gern vom Institut für Weltwirtschaft sagt: Wenn der Dollar weiter abwerte, weil die US-Notenbank ihre Zinsen senke, könne das Defizit auch dadurch größer werden, dass die Amerikaner dank des billigen Geldes wieder mehr Geld ausgeben (und importieren). Zurück zum Start.

Aus globaler Sicht eine tolle Aktion: Während die einen (USA) vom Dollar-Abwerten nur bedingt profitieren, geraten die anderen (wir) unter Abschwungdruck. Nach OECD-Schätzung läge der Wechselkurs, der die Kaufkraftunterschiede spiegelt, eher bei 1,14 $ je Euro – nicht bei knapp 1,50 $. Eine absurde Überbewertung und Euro-Überteuerung von fast 30 Prozent.

Es gibt Besseres. Wenn die US-Leistungsbilanz überhaupt schon gefallen ist, dann weil jetzt erstmals Europäer, Japaner und andere wieder expandierten und die Amerikaner nicht mehr so viel ausgeben. Für 2007 rechnen Experten mit einem Außendefizit von 5,5 Prozent der Wirtschaftsleistung – 0,7 Punkte weniger als 2006. Ohne Verteuerung der Ölimporte wäre der Trend noch eindrucksvoller, so die Ökonomen von Morgan Stanley. Der billige Dollar hat dazu nicht viel beigetragen. Siehe oben.

Beitrag zu einer besseren Welt

Wenn das stimmt, ist grotesk, was Notenbanker derzeit gelassen vorführen. Wenn Bundesbank-Obmann Axel Weber auf Zinserhöhungen dringt, während seine US-Kollegen das Gegenteil tun, beschleunigt das den Dollar-Sturz – und dämpft über hohe Finanzierungskosten auch direkt jene Binnennachfrage, mit der Europa am besten dazu beitragen könnte, Ungleichgewichte abzubauen. Wenn selbst ein Dollar-Sturz um ein Drittel seit 2002 so wenig bewirkt hat, wäre es besser, den effizienteren Weg zu wählen und die USA eine Weile schwächer wachsen zu lassen als andere, um so die US-Außenbilanz zu verbessern. Entweder indem die USA in die Rezession schlittern. Oder indem andere kräftiger wachsen. Was eindeutig harmonischer wäre.

Die Europäer sollten das Dollar-Märchen entzaubern. Kaufen Sie Dollar! Kann zwar sein, dass Sie damit Geld verlieren. Aber Sie können sagen, dass Sie zu einer besseren Welt beigetragen haben. Dann steigt auch der Dollar wieder.

E-Mail fricke.thomas@ftd.de

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