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Lawrence Summers – Krise mit Tiefgang

28. November 2007

Der Niedergang des US-Hypothekenmarkts bedroht das Wirtschaftswachstum des Landes und damit der Welt. Die politischen Entscheider in den USA müssen dem entgegensteuern.

Vor drei Monaten durfte man durchaus annehmen, dass die Subprime-Krise zwar für die Finanzwelt bedeutend sein würde, aber nicht das gesamte Wirtschaftswachstum bedroht. Nun sieht es anders aus. Selbst wenn die nötigen Veränderungen umgesetzt werden, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass in den USA eine Rezession eintritt, die das Wachstum weltweit erheblich verlangsamt. Ohne entschiedenere Maßnahmen als bisher besteht zudem das Risiko, dass die Negativfolgen noch über das Ende des Jahrzehnts hinaus spürbar bleiben.

Die Zahlen zeigen, um wie viel ernster die Lage ist, als bislang abzusehen war. Erstens deuten zukunftsgerichtete Indikatoren darauf hin, dass sich der Eigenheimsektor im freien Fall befindet – obwohl das Niveau vor einigen Monaten ohnehin schon niedrig war. Die Bauaktivität bei Einfamilienhäusern könnte während des kommenden Jahres auf die Hälfte früherer Höchststände schrumpfen. Einige Prognosen weisen darauf hin, dass die Hauspreise in den kommenden Jahren landesweit von ihrem früheren Spitzenniveau um bis zu 25 Prozent fallen könnten.

Vertrauen schwindet weiter

Es gibt keine vergleichbare Situation, um Prognosen erstellen zu können, was das für die Gesamtwirtschaft bedeutet. Aber es fällt schwer zu glauben, dass ein Rückgang in dieser Größenordnung nicht zu einer dramatischen Abschwächung der Verbraucherausgaben führen wird, die die Wirtschaft in den vergangenen Jahren angekurbelt haben.

Zweitens ist jetzt klar, dass erst ein kleiner Teil der anstehenden Finanzprobleme in Angriff genommen wurde. Selbst nach den optimistischsten Schätzungen wird sich die Zahl der Zwangsvollstreckungen während des kommenden Jahres mehr als verdoppeln, da Zinssätze für riskantere Hypotheken neu festgesetzt werden und der Wert von Eigenheimen sinkt. Es herrscht Einigkeit darüber, dass bei einer Bewertung des Vermögens nach Marktpreisen der Gesamtverlust im US-Finanzsektor bei einem Vielfachen jener rund 50 Mrd. $ an Abschreibungen liegt, die die großen Finanzinstitute bereits publiziert haben. Diese Zahlen lassen außer Acht, dass sich die Verluste wahrscheinlich auf den Kreditkarten-, den Auto- und den Gewerbeimmobiliensektor ausweiten. Auch berücksichtigen sie nicht das große Volumen von Finanzinstrumenten, die für ihre gute Bonität von Garantien abhängig sind, die Kreditversicherer bereitstellen – deren eigene Gesundheit nun höchst zweifelhaft ist.

Drittens wachsen auch Zweifel, ob das Finanzsystem weiter in der Lage ist, Kredite für die Investitionen zu vergeben, die nötig sind, um das Wachstum zu erhalten. Dass eine Flucht in Qualitätsprodukte stattfindet und anhalten wird, zeigte sich vergangene Woche ganz deutlich: Zum ersten Mal seit Jahren fiel die Rendite für zweijährige US-Schatzanleihen unter drei Prozent. Banken und andere Finanzinstitute werden die Vergabe neuer Kredite unweigerlich zurückfahren. Sie müssen mit drastisch schrumpfendem Kapital fertig werden sowie mit einem erheblich geringeren Vertrauen in die Kreditwürdigkeit traditioneller Kreditnehmer.

Dann sind da noch die potenziell negativen Auswirkungen auf das Vertrauen, die ein deutlich fallender Dollar, steigende Energiekosten und geopolitische Ungewissheiten – vor allem in Nahost – haben. Auch ein geringeres Wachstum der Weltwirtschaft ist denkbar, wenn die USA aufgrund der Abkühlung ihrer Wirtschaft und des fallenden Dollar nicht länger ihre traditionelle Rolle als Importeur der letzten Instanz erfüllen.

Die zentrale makroökonomische und finanzielle Herausforderung liegt für die USA darin, für die Finanzsysteme Normalität wiederherzustellen und eventuelle Schäden einzudämmen, die ein Kollaps dieser Systeme in der realen Wirtschaft anrichten würde.

Erstens muss die höchste makroökonomische Priorität darin bestehen, die Nachfrage am Leben zu erhalten. Deshalb muss die Fed weiter in die Zukunft blicken. Der Defizitabbau ist auf lange Sicht wichtig. Aber die Fiskalpolitik muss auf Abruf bereit sein, bei einer Verschlechterung der Lage sofort eine kurzfristige Stimulanz zu liefern.

Kreditmärkte in Bewegung halten

Zweitens müssen die Entscheider klar definieren, wie mit dem vielfältigen Druck umgegangen werden soll, der die Kreditsituation verschlechtert. Bedenkt man, dass ein großer Teil des Problems außerhalb der Bankbilanzen angesiedelt ist, werden höchstwahrscheinlich unkonventionelle Maßnahmen erforderlich sein. Priorität muss es nun haben, den Kreditfluss zu gewährleisten.

Drittens ist es nötig, die Nachfrage auf dem Häusermarkt möglichst hoch zu halten. Die Regierung agiert durch die Federal Housing Administration, durch Fannie Mae und Freddie Mac oder durch direkte Kreditvergabe. Sie muss sicherstellen, dass kreditwürdigen Hauskäufern ein steter Strom vernünftig bepreister Darlehen zur Verfügung steht.

Vielleicht reicht all das nicht aus, eine Rezession abzuwenden. Aber es ist deutlich mehr, als derzeit getan wird.

Lawrence Summers war US-Finanzminister in der Clinton-Regierung und ist Wirtschaftsprofessor an der Harvard-Universität.

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