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… Inflation

29. November 2007

Die Inflationsrate ist im November auf drei Prozent gesprungen, die höchste Rate seit Februar 1994. Manche sagen sie sei in Wirklichkeit niedriger, andere, sie sei höher. Wo liegt nun die „wahre“ Inflation?

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Inflation heißt Preisanstieg. In der Regel meint man den Anstieg der Verbraucherpreise im Vergleich zum Monat des Vorjahres. Eine inhaltlich strengere Definition setzt voraus, dass die Preise dabei anhaltend und spürbar steigen.

In jedem Fall steigen bei Inflation die Preise aller Güter, oder jedenfalls eines Großteils. Wenn einige Güter teurer, andere billiger werden, und sich das im Schnitt  kompensiert, spricht man nicht von Inflation. Dazu schauen sich die Statistiker tausende Waren an und gewichten sie in einem repräsentativen Warenkorb. Gemessen werden die Preisentwicklungen der Verbrauchsgüter des täglichen Bedarfs, wobei allerdings auch selbst genutzte Immobilien berücksichtigt werden.  Ansonsten bleiben Vermögensgegenstände aber außen vor – obwohl einige Leute dennoch von Vermögenspreisinflation reden. Der Preis aller Güter muss also steigen, bis auf der Preis eines Gutes: des Geldes. Dessen Wert sinkt bei Inflation.

Die Ursachen von Inflation sind so vielfältig wie die Folgen umstritten sind: Es können äußere Einflüsse sein, wie der Anstieg der Ölpreise. Es kann sein, dass die Notenbanken die Geldpresse angeworfen haben, und die Geldmenge all zu schnell steigt. Es kann auch sein, dass sehr viele Menschen Beschäftigung haben und deshalb Arbeitskräfte zu knapp werden und Löhne und Gehälter steigen. Die Inflation kann auch durch Erhöhungen von Verbrauchssteuern in die Höhe getrieben werden. Irgendwie treffen derzeit in Deutschland alle vier Phänomene zu.
 
Ein leichtes ist es, festzustellen, wie viel teurer Benzin oder Butter in einem Jahr geworden sind. Die Inflation zu ermitteln ist aber deutlich schwieriger. Das fängt an beim Zeitpunkt, zu dem das Konsumverhalten gemessen wird: im Ausgangsjahr oder im aktuellen Jahr? Das Konsumverhalten kann sich ändern, z. B. wird weniger Bier getrunken und dafür werden mehr mp3-Spieler gekauft. Oft ziehen sich die Statistiker mit Mittelwerten und „Verkettungen“ aus der Affäre.

Zuletzt ist die gefühlte Inflation deutlich gestiegen, was in der offiziellen Rate zunächst kaum, und erst jetzt etwas, sichtbar wird. Wissenschaftler streiten darüber, ob die gefühlte Rate eine Selbsttäuschung ist oder ob an ihr etwas dran ist. In jedem Fall ist klar, dass der Warenkorb nicht für jeden, sondern nur für Otto Normal repräsentativ ist. Arme Menschen geben aber oft prozentual mehr für Lebensmittel und Energie aus und sind deshalb derzeit besonders betroffen.

Das schwerste Problem der Statistiker ist aber, wie sie mit Qualitätsänderungen der Waren umgehen sollen. Nur wenige Güter bleiben im Zeitverlauf gleich. Meistens ändern sich Eigenschaften wie Funktionalität oder Lebensdauer. Ein PC von heute kann viel mehr als einer vor zehn Jahren. Wenn er gleich viel kostet wie damals, ist die Prozessor- oder Speicherleistung eben billiger geworden. Diese fiktive Aufteilung der Waren in einzelne Eigenschaften nennt man Hedonik. Die deutschen Statistiker waren jahrelang gegenüber den in Amerika schon länger üblichen hedonischen Indizes misstrauisch. Zuletzt nutzen sie sie aber auch zunehmend. Das Ergebnis: Die so ermittelte Inflationsrate ist tendenziell niedriger als die nach klassischer Rechnung.  

Fragen Sie das nächste Mal auf einem Empfang die anwesenden Volkswirte doch mal, was denn schlimmer sei: Inflation oder gefühlte Inflation? Seien Sie versichert: Denen wird die Antwort nicht leicht fallen.

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