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Wachstum oder Preisstabilität?

29. November 2007

Was soll eine Zentralbank tun, wenn sich zwischen Preisstabilität und Wachstum ein kurz- bis mittelfristiger Zielkonflikt ergibt? Die aktuell steigenden Inflationsraten in Europa und den USA konfrontieren beide Zentralbanken mit der Frage, ob das Primat der Preisstabilität in der Geldpolitik jetzt vorläufig zurückgestellt werden sollte. Das Problem ist von sehr hoher politischer Relevanz, denn es verweist auf die Fragen der Legitimität der Geldpolitik im gesamtgesellschaftlichen Kontext, der Rechenschaftspflicht unabhängiger Zentralbanken und der Flexibilität in der Auslegung eng formulierter Zentralbankmandate.

Formal betrachtet hätte die EZB zurzeit eigentlich keine andere Wahl, als eine baldige Zinserhöhung anzukündigen. Eine Teuerungsrate von knapp 3 Prozent liegt deutlich über der Zielgröße von „unter, aber nah bei 2 Prozent“. Zwar bezieht sich die EZB in dieser Definition explizit auf die „mittlere Frist“, dies – so haben es die Währungshüter in Frankfurt immer wieder betont – sollte jedoch nicht suggerieren, dass die Inflationsrate kurzfristig aus dem Ruder laufen darf. In ihrer Definition bezieht sich die EZB außerdem ganz explizit auf eine breite Definition der Inflation – inklusive Ölpreise und Nahrungsmittel. Das heißt, dass Frankfurt die Ausrede über die Kerninflation nicht zur Verfügung steht.

Die Crux der EZB ist ihr eigenes Mandat. Es könnte sein, dass Jean-Claude Trichet dieser Tage über die Enge der Vorgaben im EG-Vertrag nicht sehr glücklich ist. Bisher hat die EZB immer stolz auf ihre klar hierarchische Aufgabenstruktur verwiesen. Artikel 105 ist eindeutig: „Das vorrangige Ziel des ESZB ist es, die Preisstabilität zu gewährleisten. Soweit dies ohne Beeinträchtigung des Zieles der Preisstabilität möglich ist, unterstützt das ESZB die allgemeine Wirtschaftspolitik in der Gemeinschaft (…)“. Wie oft brandete in Europa die Diskussion darüber auf, ob das EZB-Mandat nicht auch ein wenig expliziter auf das gesamtwirtschaftliche Wachstum ausgerichtet sein sollte? In der Tat scheint die aktuelle Situation einen der seltenen Kontexte zu bieten, in denen ein breiteres Mandat sinnvoll sein könnte.

Zum Vergleich: Das Mandat der US-Fed gewichtet Preisstabilität, eine hohe Beschäftigungsrate und niedrige Zinsen gleich. Interessant ist aber, dass die Fed ihr eigenes Mandat immer so ausgelegt hat, als gleiche es demjenigen der EZB. Folgendes Zitat von Ben Bernanke illustriert das eindrucksvoll:

„The approach to monetary policy that I call constrained discretion can be defined by two simple and parsimonious principles. First, through its words and (especially) its actions, the central bank must establish a strong commitment to keeping inflation low and stable. Second, subject to the condition that inflation be kept low and stable, and to the extent possible given our uncertainties about the structure of the economy and the effects of policy, monetary policy should strive to limit cyclical swings in resource utilization.” (Governor Ben Bernanke am 3. Februar 2003 – die Hervorhebungen sind von mir).

Die kleine aber subtile Differenz zwischen dem EZB-Mandat und dem Fed-Mandat – nämlich die Tatsache, dass das EZB-Mandat in der Verfassung hierarchisch ist, dasjenige der Fed aber nur in der Auslegung – könnte in den kommenden Monaten von nicht unerheblicher Bedeutung sein. Ben Bernanke hat die Möglichkeit sich in seinen Rechenschaftsberichten auf den aktuell schwieriger als sonst zu lösenden Zielkonflikt zwischen Inflation und Wachstum zu beziehen. Jean-Claude Trichet hat diese Möglichkeit rein rechtlich gesehen nicht.

Und was wäre die ökonomisch richtige Antwort? Wir erleben zurzeit einen negativen Angebotsschock, der im klassischen AD-AS-Modell durch eine Verschiebung der Angebotskurve nach links illustriert wird. Die Preise steigen, das Wirtschaftswachstum geht zurück. Steigende Öl- und Nahrungsmittelpreise sind die wichtigsten Triebkräfte dieses Phänomens, auch wenn zumindest in Deutschland ein Teil der steigenden Inflation auch auf das Anziehen der Konjunktur (also eine Verschiebung der AD-Kurve nach rechts) zurückgeht. Nun sind im Modell die Inflationserwartungen entscheidend. Wenn die Erwartungen stabil bei 2 Prozent verharren, dann dürfte sich die AS-Kurve bald wieder nach rechts verschieben. Wenn das nicht der Fall ist, dann würden sich die gestiegenen Preiserwartungen erst einmal festsetzen – das aktuelle Wirtschaftswachstum würde nicht zurückgehen, die Inflation aber weiter steigen. Dann müsste die EZB die Zinsen schnell erhöhen; die AD-Kurve würde sich nach links verschieben und die Inflation bei sinkenden Wachstumsraten wieder unter Kontrolle bringen.

Für Frankfurt ist jetzt also vor allem die Kommunikation wichtig. Die Schlüsselfrage lautet: Wie halte ich die Inflationserwartungen bei 2 Prozent, ohne Zinserhöhungen anzudrohen? Keine leichte Aufgabe…

Eines steht jedenfalls fest: Meine Vorlesung zur Wirtschaftspolitik an der Hertie School of Governance ist in diesem Semester spannender als sonst. Wann hat man schon die Möglichkeit, nachmittags theoretisch über die möglichen Zielkonflikte im Mandat von Zentralbanken zu sinnieren und dann das Thema am nächsten Morgen auf Titelseiten der Zeitungen finden?

 

Von Henrik Enderlein

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