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AusSicht des Kapitals – Die EZB und das Japansyndrom

11. Dezember 2007

Wegen der Gefahr einer sich ausweitenden Kreditkrise fordern die ersten Beobachter, die EZB solle trotz beträchtlicher Inflationsrisiken eine geldpolitische Lockerung erwägen. Dass Finanzsystem und Wirtschaft inzwischen am Tropf billigen Geldes hängen, hat die EZB indessen selbst mitzuverantworten.

Es gibt im Prinzip drei Gruppen von nachfrageorientierten Ökonomen. Die erste ist nicht dazu in der Lage, die längerfristigen Folgen einer übermäßigen Geldmengenausweitung zu erkennen. Die zweite weiß sehr wohl um die Gefahr von Inflation, Kapitalfehlallokation, Überschuldung und Bankenkrise, lebt jedoch im Hier und Jetzt; ihr Widerspruch besteht darin, die Kosten von morgen mit einem hohen Diskontsatz abzuzinsen, von der Zentralbank aber einen niedrigen Diskontsatz zu fordern. Dann ist da noch die EZB, die Wasser predigt, aber Wein in rauen Mengen verteilt.

So kommt es, dass die Geldmenge M3 seit Anfang 1999 um 85 Prozent gestiegen ist, während das nominale BIP im Euro-Raum bloß um 42 Prozent zugelegt hat. Und so kommt es wiederum, dass die Inflation im Jahresmittel seit 2000 immer bei über zwei Prozent lag, obwohl die Lohnentwicklung verhalten war, das BIP-Wachstum mäßig ausgefallen ist und der handelsgewichtete Euro um ein gutes Viertel aufgewertet hat. Die gefühlte Inflation ist höher als in den frühen 90ern, als die ausgewiesene Inflation, die sich derzeit auf drei Prozent beläuft, auf bis zu 5,3 Prozent gesprungen war. Wer auf die Energie- und Nahrungsmittelpreise verweist, sollte bedenken, dass auch diese insofern eine Folge der laxen Geldpolitik im Westen sind, als dessen Endnachfrage das Schwellenländerwachstum begünstigt hat.

Die Zeichen von Kapitalfehlallokation beschränken sich derweil nicht auf den Hausmarkt, wo die Preise im Euro-Raum zwischen 1999 und 2006 trotz der schwachen Entwicklung in Deutschland (selbst hier steigt der Baupreisindex übrigens um sieben Prozent) um drei Fünftel zugelegt haben. Die durchschnittliche reale Rendite auf Euroraum-Staatsanleihen von nur 1,3 Prozent seit 2003 dürfte auch dem Aufstieg der Finanzinvestoren Vorschub geleistet haben, die mit riesigen Verschuldungshebeln arbeiten, bei Übernahmen Spitzenmultiplikatoren auf Spitzenmargen bezahlt und selbst den Vorständen von Großfirmen Angst und Schrecken eingejagt haben, sodass diese der kurzfristigen Gewinnsteigerung wegen gespart haben, wo es nur geht. Es würde nicht wundern, wenn die angesichts der zyklischen Lage ernüchternde Ausrüstungsinvestitionsquote auch damit zu tun hätte. Dass die Bankausleihungen an den Privatsektor seit 1999 von 91 auf 131 Prozent des BIP gestiegen sind, ist dabei umso bedenklicher, als die Schulden sehr ungleich verteilt sind.

Der Gerechtigkeit halber muss erwähnt werden, dass es für die EZB schwer gewesen wäre, sich von der schludrigen internationalen Geldpolitik abzukoppeln, ohne eine Rezession zu riskieren. Der Preis dafür ist, dass die europäische Wirtschaft inzwischen ähnlich am Tropf billigen Geldes hängt wie jene der angelsächsischen Ökonomien. Das ist der Grund dafür, warum die ersten Stimmen laut werden, die EZB solle Zinssenkungen vorbereiten, um einer Entwicklung à la Japan vorzubeugen.

 

Von Jörg Berens

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