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Niedrigere Steuern für Frauen?

17. Dezember 2007

Die Forderung, Frauen niedriger zu besteuern als Männer, ist zwar gut begründet. Es gibt aber auch gute Alternativen.

Eine Forschergruppe um den Harvard-Ökonom Alberto Alesina hat in einer gerade erschienenen Studie einen provokativen Vorschlag gemacht. Die Einkommensbesteuerung soll nach Geschlechtern differenzieren: das Einkommen von Frauen soll niedriger besteuert werden als das der Männer.

Auf den ersten Blick erscheint dieser Vorschlag wie ein verfrühter Aprilscherz oder wie die Forderung nach einer Bestrafung der Männer, vielleicht wegen der jahrhundertelangen Unterdrückung der Frauen. Dieser Eindruck täuscht jedoch. Begründet wird das Konzept mit nüchternen ökonomischen Effizienzüberlegungen. Aus volkswirtschaftlicher Sicht hat es Vorteile, Aktivitäten, die leicht der Besteuerung ausweichen, weniger hoch zu besteuern als Aktivitäten, bei denen derartige Ausweichreaktionen ausbleiben. Empirische Studien belegen einhellig, dass Frauen – in erster Linie verheiratete Frauen – sich besonders schnell aus dem Arbeitsmarkt zurückziehen, wenn ihr Einkommen durch Besteuerung sinkt.

Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht ist diese Ausweichreaktion um so schädlicher, je stärker sie ausfällt. Deshalb kann die Effizienz des Steuersystems gesteigert werden, indem das Einkommen von Frauen im Vergleich zum Einkommen von Männern steuerlich entlastet wird und Frauen folglich vermehrt erwerbstätig werden.

Diesem Argument kann man entgegenhalten, dass verbesserte steuerliche Anreize zur Arbeitsaufnahme von Frauen die Arbeitsteilung zwischen Paaren stören. Denn Frauen, die nicht erwerbstätig sind, arbeiten ja durchaus, nur eben im eigenen Haushalt. Diese Leistung ist volkswirtschaftlich bedeutsam. Sie beinhaltet nicht nur die übliche Hausarbeit wie etwa Kochen und Bügeln, sondern auch die Erziehung und Ausbildung der Kinder. Wenn der eine Partner sich auf diese Tätigkeit im privaten Haushalt spezialisiert, während der andere sich auf Erwerbsarbeit konzentriert, kann das ökonomisch durchaus vorteilhaft sein. Aus dieser Perspektive sollte der Staat sich aus der Organisation der Aufgabenverteilung in Familien heraushalten.

Dieser Einwand ist ernst zu nehmen, ganz überzeugen kann er aber nicht. Denn das Steuer- und Transfersystem diskriminiert ohnehin die Erwerbsarbeit gegenüber der Hausarbeit – erstere wird besteuert, letztere nicht. Das führt zu einer allgemeinen, unerwünschten Verdrängung der Erwerbsarbeit, und davon sind eben die Zweitverdiener – das sind meistens die Frauen – besonders betroffen, weil sie besonders stark auf Anreize zur Erwerbsarbeit reagieren. Insofern ist es sinnvoll, gegenzusteuern.

Das muss allerdings nicht gleich durch einen Übergang zu geschlechtsspezifischer Besteuerung umgesetzt werden. Eine Reform der Familienbesteuerung reicht aus.  In Deutschland steht das Ehegattensplitting in der Kritik, weil es die Frauenerwerbstätigkeit angeblich zurückdrängt. Tatsächlich bedeutet das Ehegattensplitting, dass ein zusätzlich verdienter Euro gleich besteuert wird, unabhängig davon, welcher der Partner ihn verdient. Das Ehegattensplitting ist also neutral für die Frage, welcher Partner in einer Ehe welche Aufgaben übernimmt. Aber gerade diese Neutralität ist nach der Argumentation von Alesina wegen des unterschiedlichen Erwerbsverhaltens nicht erwünscht.

Um dem Rechnung zu tragen, wäre es denkbar, das bestehende Ehegattensplitting durch ein Realsplitting zu ersetzen, bei dem der Erstverdiener für Zwecke der Besteuerung einen nach oben begrenzten Betrag auf den Zweitverdiener übertragen kann. Dadurch würde die (Grenz-)Belastung des Arbeitseinkommens der Zweitverdiener begrenzt. Im Ergebnis würde die Frauenerwerbstätigkeit zunehmen.

Der sicherlich bewusst zugespitzte Vorschlag, zu einer geschlechtsspezifischen Besteuerung überzugehen, macht darauf aufmerksam, dass nicht nur gesellschaftspolitische und emanzipatorische Anliegen, sondern auch ökonomische Effizienzaspekte dafür sprechen, die Anreize der Frauen für die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit zu verbessern. 


 

Von Clemens Fuest

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