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… annualisiertes Wachstum

28. Februar 2008

Die deutsche Wirtschaft ist Ende 2007 um 0,3 Prozent gewachsen, wie das Statistikamt gemeldet hat. In den USA spricht man von 0,6 Prozent. Trotzdem war die Deutschen in Wirklichkeit noch dynamischer. Wie kommt's?

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Die Auflösung liegt in verwirrend unterschiedlichen Rechenweisen. In Deutschland wird die vierteljährliche Veränderung des Bruttoinlandsprodukts gern als einfache Rate gegenüber Vorquartal ausgedrückt. Das BIP lag im vierten Quartal 0,3 Prozent höher als im dritten Quartal. Die Amerikaner machen im Prinzip das Gleiche, nur wird die Veränderung dann noch auf ein Jahr hochgerechnet, also annualisiert – in der hypothetischen Annahme, dass sich das registrierte Quartalswachstum einfach über vier Quartale fortsetzt.

Vorteil der US-Methode: Damit wird das Quartalsergebnis von seiner Größenordnung her besser vergleichbar mit den Gesamtjahresergebnissen, wie sie in Prognosen und Diagnosen üblicherweise für Kalenderjahre ausgewiesen werden.

Nachteil der Annualisierung: Eher zufällige Schwankungen von einem Quartal zum anderen werden durch das Hochrechnen gleich potenziert. Hier ist die Annahme einer Fortsetzung über ein Jahr oft per se widersinnig. Und: Besonders heikel wird es bei Veränderungen um die Nullinie. Rechnet man das (annualisierte) US-Wachstum von Ende 2007 auf deutsche Rechenart und Quartalsbasis zurück, lag die amerikanische Wirtschaftsleistung im vierten Quartal um gerade einmal 0,15 prozent über dem Sommerquartal. Das ist eine Größenordnung, die angesichts der Vorläufigkeit solcher Schätzungen, eigentlich in den Bereich der statistischen Unschärfe gehört.

Das Ergebnis muss nur um ein paar Milliarden nach unten revidiert werden (was für die US-Wirtschaft Peanuts sind), dann wird aus knapp über Null ein knapp unter Null, das durch das Annualisieren widersinnig noch hochgerechnet wird. Beispiel viertes Quartal: dann wäre die US-Wirtschaft nach US-eigener Rechenart womöglich plötzlich um 0,6 Prozent geschrumpft, statt um 0,6 Prozent zu steigen. Obwohl real kaum etwas passiert ist.

Egal, wie: Es lohnt, genauer hinzusehen, wenn man US-amerikanische Wachstumsdaten mit denen anderer Länder vergleicht. Außer den US-Amerikanern praktizieren unter den wichtigen Industrieländern einzig die Japaner noch die Annualisierung, wenn es um vierteljährliche Veränderungen der Wirtschaftsleistung geht.

Wenn Sie wieder einmal Volkswirte hören, die sagen, in Amerika sind die Konjunkturschwankungen stärker als hier, dann sagen Sie: Vielleicht liegt das auch an der annualisierten Schreibweise

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