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… Moral Hazard

19. März 2008

Deutsche Bank-Chef Ackermann ruft den Staat in der Bankenkrise zu Hilfe – und die Empörung ist noch größer als die Aufregung. Nun liest man viel von eingebrockten Suppen und im Dreck befindlichen Karren. Trifft aber nicht das Bild der Feuerwehr besser, die ja auch kommt, wenn die Kinder gezündelt haben?

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Wer versucht, den Begriff zu übersetzen, merkt, warum er doch besser englisch verwandt wird. „Sittliche Gefährdung“ lenkt etwas ab von dem, was gemeint ist. Es bezeichnet in der Tat ein moralisches Problem, das entsteht, wenn einem die Kosten eines Risikos abgenommen werden. Beispiel: Eine Vollkasko-Versicherung führt zu leichtsinnigem Fahrverhalten und die Reparaturkosten zahlen dann alle. 

 

Dabei ist nicht die Versicherung per se das Problem, sondern die Verhaltensänderung des Einzelnen durch den Versicherungsschutz gegenüber der Situation ohne Versicherung. Das Problem daran ist, dass die Gemeinschaft Kosten für den Einzelnen übernimmt. Damit sind die Kosten für alle Individuen zusammen höher, als sie ohne Versicherung wären. Leute, die anspruchvolle Formulierungen mögen, sagen dazu: die individuelle Rationalität weicht von der kollektiven ab. Die Lösung heißt im Ökonomenjargon "ineffizient". Das spricht nicht automatisch gegen Versicherungen, aber für spezielle Anreize wie zum Beispiel Selbstbehalte.

 

Derzeit ist der Begriff im Zusammenhang mit Rettungsaktionen von Banken im Gespräch. Wenn die US-Notenbank Fed über die Bank JP Morgan Chase die gescheiterte Investmentbank Bear Stearns rettet, sei das ein „Bail Out“ und erzeuge ein Moral Hazard Problem. In Zukunft würde damit nämlich Bankern signalisiert, man könne Risiken eingehen, denn wenn es schief geht, helfe ja der Staat. Ansatzweise trifft das wohl zu. Andererseits verlieren jetzt viele Leute in der Bank ihre Jobs, Eigentümer verlieren Millionen und Milliarden.

 

Man kann nicht sagen, dass die Verantwortlichen bei Bear Stearns viel zu lachen haben, selbst wenn der Staat, also die Fed, jetzt hilft, weil er den Ausfall von Bear Stearns-Verbindlichkeiten für das größere Übel hält. Ob das Moral-Hazard-Problem im Falle von Bears Stearns wirklich in relevantem Maße existiert, ist daher sehr fraglich. Wenn es stimmt, dass ein Flächenbrand droht, wenn eine Bank abfackelt, dann spricht das trotz  Moral Hazard weniger gegen die Feuerwehr, als dafür, die Bank für den Einsatz zahlen zu lassen. Man sieht: Der Weg zwischen dem problematischen Bail Out und den legitimen und notwendigen Feuerwehraktionen der Notenbanken als „Lender of Last Resort“ ist eine schwierige Gratwanderung.

 

Wenn Sie wieder einmal unter Volkswirten sind, die über Moral Hazard diskutieren, dann sagen Sie: Klar, die Zeche zahlen die anderen, das sei immer schon so gewesen. Aber die Party habe ziemlich vielen ziemlich lange auch viel Spaß gemacht.

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