Startseite > Chefökonom > Vertrauen

Vertrauen

10. April 2008

Die Bevölkerung hat das Vertrauen in die Politiker verloren. Die Banken vertrauen sich untereinander nicht mehr. Auch die Anleger haben offenbar Vertrauen verloren. Vertrauen ist auch in einer Welt voll gesichertem Wissen plötzlich wieder Mangelware geworden – gerade dann, wenn es am Nötigsten wäre.


*
 

Vertrauen ist nötig, wenn nicht alles bekannt ist. Wer vertraut, akzeptiert die Unsicherheit und geht dennoch vom Positiven aus. Es ist zwar eine Fiktion, aber nur so sind Menschen handlungsfähig, denn die Zukunft ist unsicher. Die Marktwirtschaft ist zwar ein offensichtlich guter Mechanismus, um mit Unsicherheit umzugehen. Gewisse Dinge müssen aber klar sein und fest liegen: Regeln, wie man Schulden eintreibt, etwa. Wer weiß, dass er sein Geld auch von einem Fremden wieder bekommt, kann das nötige Vertrauen mitbringen, das die Wirtschaft braucht. 

Ein Grund für die aktuelle Bankenkrise ist, dass die Banken sich offenbar nicht mehr richtig vertrauen. Die Unsicherheit über den Abschreibungsbedarf ist hoch – da ist man vorsichtig damit, Geld zu verleihen, zumal man selber bald vielleicht viel Geld braucht, weil die anderen Banken wiederum einem selbst nicht ganz vertrauen. Hier zeigt sich, wie wichtig das Vertrauen ist, es ist ein Schmiermittel der Wirtschaft. Wie entsteht es überhaupt? Vor allem durch langjährige gute Erfahrungen, durch Routine und durch Interessenabwägung: Man vertraut jemandem eher, wenn man weiß, dass er ein Interesse hat, einen nicht zu betrügen.  

Wie kehrt das verlorene Vertrauen zurück? Staatlich verordnet werden kann es nicht, aber der Staat oder andere große Organisationen können helfen. Wenn Finanzminister und Notenbankchefs Handlungsbereitschaft signalisieren, kann das Vertrauen schaffen – über die Substanz der Regeln hinaus. Ähnlich ist es, wenn der Vorsitzende des Weltbankenverbandes, Josef Ackermann, Reaktionen auf die Krise ankündigt: eine Taskforce etwa, und mehr Transparenz. Schon bevor diese Änderungen wirksam wirken, wirkt das Symbol – das in der Krise deshalb oft wichtiger ist, als die Substanz der Änderungen.  Irgendwann kommt das Vertrauen zurück, aber es kann dauern. Denn die Einzelakteure sind in der Vertrauenskrise oft überfordert, weil jeder nur dann Grund zum Vertrauen hat, wenn er weiß, dass der andere auch vertraut. Dieses Dilemma kann der Staat entschärfen – und sei es durch symbolische Aktionen. 

Dass Transparenz Vertrauen schafft, ist in der Wissenschaft übrigens umstritten. „Transparenz kann ja nie vollständig sein“, sagt Guido Möllering vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. „Die Transparenzregeln definieren erst die Fassade, die ein Unternehmen dann aufbaut. Dann besteht die Gefahr, dass sich das Unternehmen mehr um die sichtbaren Daten kümmert, als um die Substanz.“ Das gelte vor allem dann, wenn man weiß, dass ein Unternehmen zu Transparenz  gezwungen wurde, anstatt aus eigenem Antrieb Verantwortung zu übernehmen. „Vertrauen beginnt dort, wo die Transparenz aufhört“, so Möllering. Denn wer alles weiß, braucht ja nicht zu vertrauen.  

Wenn Sie wieder einmal Ökonomen zum Thema Vertrauenskrise diskutieren hören, und jemand sagt, das ist ja völlig irrational – dann sagen Sie: Das Vertrauen selbst ist ja auch nicht rational. Es beginnt dort, wo die Rationalität aufhört.

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: