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… Stagflation

8. Mai 2008

In vielen Industrieländern steigen die Preise deutlich, während gleichzeitig die Konjunktur an Kraft verliert. Manche Experten warnen daher vor Stagflation, also vor wachsender Inflation bei wirtschaftlichem Stillstand. Für Notenbanker und Regierungen ein fataler Mix.

 

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Das Tückische: Senken Notenbanken die Zinsen oder erhöhen Regierungen ihre Staatsausgaben, kann das normalerweise die Konjunktur wieder ankurbeln. Doch bei Stagflation galoppieren dadurch die Preise davon. Werden hingegen Geld und Staatsnachfrage verknappt, bricht die Konjunktur weiter ein. Ein Dilemma.

Den Kunstbegriff aus „Stagnation“ und „Inflation“ prägte bereits 1965 der britischen Finanzminister Iain Macleod. Erstmals beobachtet wurde das Phänomen während der Ölkrise Anfang der 70er Jahre. Wegen politischer Spannungen in Nahen Osten drosselte die Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) die Förderung des schwarzen Goldes. Der Ölpreis jagte in die Höhe, was die Kosten in den westlichen Industrieländern empor schnellen ließ.

Bei solchen Preisschocks müssen Unternehmen die höheren Produktionskosten auf den Preis ihrer Waren aufschlagen. Sie können dann aber nur weniger verkaufen, stellen daher weniger Produkte her und entlassen Mitarbeiter. Als Ausgleich für die hohen Inflationsraten von bis zu knapp sieben Prozent setzten die Gewerkschaften deutliche Tariferhöhungen durch. In den Jahren 1973 und 1974 wuchsen die Löhne im Schnitt um jeweils mehr als 12 Prozent. Mit diesem Anstieg konnte der Produktivitätsfortschritt nicht mithalten. Das Wirtschaftswachstum fiel auf unter ein Prozent.

Auch heute scheint die Situation alarmierend: 2007 stiegen die Verbraucherpreise in den USA um 4,1 Prozent und damit so stark wie seit 17 Jahren nicht mehr. Im ersten Quartal 2008 und im Vorquartal wuchs die US-Wirtschaft dagegen aufs Jahr hochgerechnet nur um 0,6 Prozent. Auch in der Euro-Zone treiben hohe Rohstoffpreise die Lebenshaltungskosten in die Höhe, während sich die Konjunktur abschwächt. Im März erreichte die Inflationsrate mit 3,6 Prozent ein Rekordniveau seit Einführung der Gemeinschaftswährung. Das Bruttoinlandsprodukt legte im vierten Quartal 2007 um 0,4 Prozent und damit nur halb so schnell zu wie im Quartal davor.

Doch Experten warnen vor Panikmache. Denn diesmal sind die Preissteigerungen bei Öl auf die anziehende Nachfrage auf dem Weltmarkt, nicht auf politische Maßnahmen zurückzuführen. Außerdem liegen die Inflationsraten weit unter denen der siebziger Jahre. So ist allenfalls von „Stagflatiönchen“ oder „Stagflation light“ die Rede.

Sagen Sie bei der nächsten Diskussion über die derzeitigen Wirtschaftsturbulenzen, dass steigende Preise und schwächelnde Konjunktur nicht gleich Stagflation bedeuten muss.

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