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Joseph Stiglitz – Meilenweit am Ziel vorbei

27. Mai 2008

Die derzeitige Explosion der Öl- und Nahrungsmittelpreise zeigt: Das geldpolitische Mantra der Inflationssteuerung ist ein großer Fehler. Den Schaden haben die Entwicklungsländer.

Die Zentralbanker dieser Welt bilden einen verschworenen Kreis, der dazu neigt, dem Zeitgeist zu folgen. In den frühen 80er-Jahren gerieten sie in den Bann des Monetarismus, einer von Milton Friedman verfochtenen, allzu simplen Wirtschaftstheorie. Nachdem der Monetarismus in Verruf geriet, begannen die Notenbanker die Suche nach einem neuen Mantra.

Fündig wurden sie im Ansatz der Inflationssteuerung. Er besagt, dass die Zinssätze immer dann anzuheben sind, wenn der Preisanstieg eine gewisse Obergrenze überschritten hat. Diese simple Methode beruht auf einer dürftigen wirtschaftstheoretischen und empirischen Basis: Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass Zinserhöhungen ungeachtet der Inflationsursache geeignete Mittel sind.

Heute steht die Inflationssteuerung auf dem Prüfstand, und sie wird den Test mit größter Wahrscheinlichkeit nicht bestehen. Die Entwicklungsländer sind momentan mit höherer Inflation konfrontiert – nicht wegen eines mangelhaften Makromanagements, sondern weil die Öl- und Nahrungsmittelpreise in die Höhe schießen. Diese Entwicklung schlägt sich im durchschnittlichen Budget der privaten Haushalte in Entwicklungsländern stärker nieder als in reichen Ländern. In China beispielsweise erreicht die Inflationsrate einen Wert von acht Prozent und mehr. In Vietnam ist sie noch höher, und man rechnet in diesem Jahr mit einem Anstieg auf 18,2 Prozent. Dagegen weisen die USA einen Wert von drei Prozent auf.

Die Inflation in den ärmeren Ländern ist größtenteils importiert. Eine Anhebung der Zinssätze hätte keine großen Auswirkungen auf die internationalen Preise für Getreide oder Treibstoff. Angesichts der Größe der US-Wirtschaft hätte ein Abschwung in den USA einen weit größeren Effekt auf die weltweiten Preise als ein Abschwung in irgendeinem Entwicklungsland. Daraus folgt, dass – aus globaler Perspektive betrachtet – eigentlich der Zinssatz in den USA und nicht in den Entwicklungsländern angehoben werden sollte.

Solange die Entwicklungsländer in die Weltwirtschaft integriert bleiben, werden die Preise für Reis und anderes Getreide bei Preisexplosionen an den Weltmärkten auch in diesen Ländern merklich ansteigen. Für viele Entwicklungsländer stellen hohe Öl- und Nahrungsmittelpreise eine dreifache Bedrohung dar: Nicht nur der Import von Getreide wird teurer, sondern auch der Transport in das jeweilige Land und erst recht zu den Verbrauchern, die möglicherweise weit weg von den Häfen wohnen.

Steigende Zinssätze können die Gesamtnachfrage bremsen, wodurch die Wirtschaft abkühlt und der Preisanstieg mancher Waren und Dienstleistungen gedrosselt wird. Aber diese Maßnahmen alleine können die Inflation nicht auf das beabsichtigte Niveau senken. Selbst wenn etwa die weltweiten Preise für Energie und Nahrungsmittel weniger rasch steigen als jetzt und sich dies in nationalen Preisen niederschlägt, müssten für die Senkung der Inflation die Preise auch anderswo deutlich sinken. Damit wären ziemlich sicher ein beträchtlicher wirtschaftlicher Einbruch und hohe Arbeitslosigkeit verbunden. Die Therapie wäre schlimmer als die Krankheit.

Was ist also zu tun? Zunächst sollte man Politikern und Zentralbankern die Schuld an importierter Inflation ebenso wenig in die Schuhe schieben, wie man ihnen bei einem günstigen globalen Wirtschaftsklima niedrige Inflationsraten anrechnen sollte. Wie sich nun zeigt, trägt Ex-US-Zentralbankchef Alan Greenspan einen Großteil der Schuld an den aktuellen wirtschaftlichen Schwierigkeiten Amerikas. Von mancher Seite wird ihm auch Anerkennung für die niedrige Inflationsrate während seiner Amtszeit gezollt. In Wahrheit aber profitierten die USA während der Greenspan-Jahre von einer Phase sinkender Rohstoffpreise und von der Deflation in China, die dazu beitrug, die Preise für Industriegüter in Zaum zu halten.

Zweitens müssen wir erkennen, dass hohe Ölpreise vor allem für Geringverdiener enorme Probleme bedeuten. Der schlimmste Ausdruck dieser Entwicklung sind Unruhen in manchen Entwicklungsländern. Die Anhänger der Handelsliberalisierung propagierten deren Vorteile, waren aber hinsichtlich der damit verbundenen Gefahren nie ganz ehrlich.

Im Agrarbereich werden Verbraucher und Bauern in Industriestaaten gegen diesen Gefahren abgeschirmt. Aber die meisten Entwicklungsländer verfügen nicht über die institutionellen Strukturen oder Ressourcen, um ebenso zu agieren. Viele dieser Länder greifen zu Exportsteuern oder Ausfuhrverboten, die ihren eigenen Bürgern zugutekommen – auf Kosten der Menschen in anderen Ländern.

Wenn wir eine noch stärkere Gegenbewegung gegen die Globalisierung verhindern wollen, muss der Westen rasch reagieren. Subventionen für Biotreibstoffe, die dafür verantwortlich sind, dass Ackerland zunehmend für die Energiegewinnung und weniger für die Nahrungsmittelproduktion genutzt wird, müssen abgeschafft werden. Zusätzlich sollten einige der Milliarden, mit denen Bauern im Westen subventioniert werden, lieber für Hilfsleistungen für ärmere Länder verwendet werden.

In allererster Linie müssen sich aber die Industrie- wie auch Entwicklungsländer von der Inflationssteuerung verabschieden. Der Kampf gegen steigende Nahrungsmittel- und Energiepreise ist schon schwer genug. Die mit Inflationssteuerung einhergehende schwächere Wirtschaft und höhere Arbeitslosigkeit haben keinen großen Einfluss auf die Inflation. Sie erschweren nur das Überleben unter diesen Bedingungen.

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