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William Easterly – Sieben Milliarden Experten

30. Mai 2008

In einem großen Bericht für die Weltbank stellen führende Entwicklungsexperten fest, dass sie kein Patentrezept zur Wachstumsförderung haben. Ein Vorschlag: Mehr Freiheit für Individuen.

Vergangene Woche veröffentlichte die Wachstums- und Entwicklungskommission unter Führung von Nobelpreisträger Michael Spence ihren Bericht für die Weltbank. Zwei Jahre lang hatte die Kommission, die sich aus 21 Vertretern aus Politik und Wirtschaft zusammensetzt, daran gearbeitet. Hinzu kamen eine elfköpfige Arbeitsgruppe, 300 Wissenschaftler, zwölf Seminare, 13 Konsultationen und ein Budget von 4 Mio. $. Am Ende lautete die Antwort auf die Frage, wie starkes Wachstum erzielt werden kann, in etwa: Keine Ahnung, aber die Experten werden’s schon rausfinden.

Diese Schlussfolgerung wird mit Aussagen wie den folgenden präsentiert: „Es ist schwer zu sagen, wie die Wirtschaft auf eine Maßnahme reagiert. Eine Antwort, die zum aktuellen Zeitpunkt richtig ist, ist in der Zukunft möglicherweise nicht zutreffend.“ Wachstumsmotor sollte der Markt sein – außer, wenn es der Staat sein sollte. Aussagen wie diese hätten meine Studenten liebend gern für weit weniger als 4 Mio. $ geliefert.

Dieser Bericht steht für den endgültigen Zusammenbruch des Prinzips des „Entwicklungsexperten“, das die Herangehensweise des Westens an arme Länder seit 1945 bestimmt hat. Die ganze Zeit über haben wir gehofft, dass eine kleine Elite großer Denker herausfinden kann, wie die Wachstumsrate einer gesamten Volkswirtschaft zu steigern ist. Hätten diese „Entwicklungsexperten“ etwas dazu zu sagen gehabt, dann hätten sie es auch getan.

Was ist schiefgelaufen? Experten sind hilfreich, solange es nützliche, allgemeingültige Grundsätze gibt. Solche Grundsätze könnten etwa durch einen Vergleich von Ländern mit unterschiedlich hohem Wachstum aufgestellt werden. Dieser Ansatz, das Geheimnis von mehr Wachstum zu enthüllen, ist fehlgeschlagen, wie die Wachstums- und Entwicklungskommission ganz richtig feststellt. Sie gelangt zu dem Schluss, dass „Antworten“ länderspezifisch und zeitabhängig ausfallen müssten. Ist aber jeder Augenblick in jedem Land einzigartig, können Experten keine Erfahrungswerte sammeln. Auf welcher Grundlage also werden sie zu „Experten“?

An dieser Stelle wäre der logische nächste Schritt gewesen, sich von den Experten zu verabschieden. Doch die Kommission besteht darauf, dass Experten, die ihren Rat an technokratische Führer weitergeben, immer noch die Lösung des Problems sind.

Die Kommission hat einen gängigen Fehler begangen: Sie hat ungewöhnlich hohe Wachstumsraten zur Messlatte für Erfolg auserkoren. Dabei kommt und geht hohes Wachstum auf mysteriöse Art und Weise. Nur noch 2 der 13 Episoden starken Wachstums, die die Kommission untersucht hat, waren zum Zeitpunkt der Studie überhaupt noch im Gange. Wachstumsversager von gestern (wie Indien) feiern heute Erfolge, und Wachstumsgewinner von gestern (wie Brasilien) versagen heute. Ein Großteil dieser Volatilität ist unerklärlich und unberechenbar – etwa ob eine Regierung erfolgreich war, weil die Wirtschaft wuchs, oder ob der Regierungschef selbst das Wachstum herbeigeführt hat.

Die Details des Erfolgs sind ebenso schwer zu greifen. Wo sind die Experten, die vorausgeahnt haben, dass ein undurchsichtiger indischer Speiseölhersteller zu einem 10 Mrd. $ schweren Konzern (Wipro) werden würde, der IT-Dienste und Callcenter bereitstellt? Oder dass ein verlustreiches brasilianisches Staatsunternehmen (Embraer) nach der Privatisierung einen großen Anteil am Weltmarkt für Regionaljets einheimsen würde?

Was tun in einer Welt, die von solcher Unberechenbarkeit geprägt ist?
Es gibt einige allgemeingültige Grundsätze, und die erfordern keine Experten. Ein anderer Nobelpreisträger gab vor langer Zeit eine Antwort: zahlreichen Individuen die Freiheit zu lassen, ihre eigene Antwort zu finden. Friedrich Hayek sagte, die Freiheit ist unerlässlich, um Raum für das Unvorhersehbare zu lassen. Wir haben gelernt, von der Freiheit zu erwarten, dass sie uns die Chance zur Verwirklichung unserer Ziele gibt, so Hayek. Deshalb wollen wir sie.

Weil jeder Einzelne so wenig weiß und weil wir selten wissen, wer von uns es am besten weiß, vertrauen wir auf unabhängige und konkurrierende Bemühungen vieler, um die Entstehung dessen herbeizuführen, was wir haben wollen, sagte Hayek.

Belege für diese Vision finden sich nicht in den unergründlichen Schwankungen der Wachstumsraten. Sie finden sich im Niveau der Entwicklung, das langfristig erreicht wird. Hayek wurde bestätigt: Systeme, die dem Einzelnen mehr Freiheit lassen – wirtschaftliche wie politische Freiheit – gehen mit viel weniger Armut einher.

Der Beweis dafür kommt aus der Geschichte (das alte, despotische, arme Europa im Vergleich zum modernen, freien, reichen Europa) und dem Vergleich zwischen Ländern (Südkorea versus Nordkorea, die Bundesrepublik versus DDR). Dieses alternative Prinzip überlässt den Experten eine viel kleinere Rolle, denn Experten können Freiheit nicht von oben steuern oder auferlegen – sonst wäre es keine Freiheit.

Das Ende des Phänomens des „Entwicklungsexperten“ bedeutet nicht das Ende der Hoffnung auf Entwicklung. Wirtschaftliche Entwicklung sorgt bereits dafür, dass Armut allmählich beendet wird – in den vergangenen drei Jahrzehnten ist die weltweite Armutsquote um über die Hälfte gefallen. Verantwortlich dafür waren nicht Experten wie die, die den Bericht der Wachstums- und Entwicklungskommission verfasst haben. Verantwortlich dafür war mehr Freiheit für die über 6,7 Milliarden individuellen Entwicklungsexperten, die heute auf der Welt leben.

William Easterly ist Wirtschaftsprofessor an der New York University.

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