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Die Kolumne – Ein Glück, die Mark ist weg

19. Juni 2008

Fast zwei Drittel der Deutschen hätten das alte Geld gern wieder. Dabei spricht einiges dafür, dass das Land dann heute noch wirtschaftlich kriseln würde. Und dass die D-Mark-Verklärung Europa schadet.

Bizarr. Immerhin ist kaum eine der beängstigenden Prophezeiungen eingetreten, die deutsche Wirtschaftsprofessoren noch vor zehn Jahren für den Fall des D-Mark-Verlusts erstellten. Im Gegenteil: Sehr wahrscheinlich würden die Deutschen heute noch kriseln, wenn es das alte Geld noch gäbe. Und die Probleme, unter denen der Euro-Raum tatsächlich leidet, wären mit der D-Mark nicht unbedingt kleiner. Da hilft Bundesbank-Nostalgie gar nichts.

Kein Grund zur Klage

Die Zentralbank „wird Preisstabilität in Europa nicht durchsetzen“, mutmaßten 1992 in einem Memorandum 60 Professoren. Die EZB werde „zur Stützung des neuen Geldes eine Hochzinspolitik betreiben müssen“, orakelte Wilhelm Hankel, der mit so viel prognostischer Gabe sogar vors Verfassungsgericht zog. Der Euro sei „nicht lebensfähig“, befand ein Kollege; und er werde „die alte Währungsstabilität der D-Mark nie zurückgewinnen“. Buhu. Noch Anfang 1998 nölten in einem Aufruf 155 Professoren, der Euro komme „zu früh“. Darunter übrigens auch Axel Weber, heute als Bundesbankchef tätig.

Es dürfte in der Menschheitsgeschichte keine Notenbank gegeben haben, die so losgelöst von Druck und Parteiinteressen vor sich hin entscheiden durfte wie die EZB. Die Inflation ist seit Euro-Start niedriger als zu D-Mark-Zeiten und anderswo. Statt Hochzinsen gab es rekordtiefe Zinsen. Und Europas Staatsschuldenquote ist seit Verschwinden der D-Mark um zehn Prozentpunkte gefallen (gegen OECD-Trend). Dazu gibt es 20 Millionen neue Jobs – und eine Arbeitslosenquote, die ein Drittel niedriger liegt als 1998. Ein Desaster, liebe Memorandumprofessoren, sieht anders aus.

Nun heißt all das weder, dass das Ableben der D-Mark für alles Gute verantwortlich ist. Noch, dass der Euro keine Nachteile hätte. Wirklich bedenklich wirkt, wie stark die Euro-Länder wirtschaftlich auseinanderdriften: In Deutschland sind die Lohnstückkosten seit 1998 kaum gestiegen, im Euro-Schnitt aber um 15, in Spanien und Italien sogar um gut 30 Prozent. Die Deutschen haben einen Leistungsbilanzüberschuss von acht Prozent des BIP – und Spanier wie Portugiesen entsprechend brisante Defizite von gut zehn Prozent.

Ein heikler Mix. Die Frage ist nur, ob all das kein Problem wäre, wenn es noch ein Dutzend Währungen gäbe. Und ob es eine gute Idee wäre, wenn vermeintliche Schluderländer jedes Mal abwerten, wenn mal wieder die Kosten aus dem Ruder laufen, so wie es gängige Lehrbücher und D-Mark-Nostalgiker predigen.

Die Deutschen hätten dann in den 90er-Jahren als Erste abwerten müssen, weil Kosten und Staatsetats nach der Einheit hochgeschossen waren – originelle Vorstellung. Wahrscheinlich wäre die Bundesbank eher gestorben, als die liebe Mark abzuwerten. Die Währungshüter trugen mit hohen Zinsen damals dazu bei, die D-Mark mitten im Desaster noch zu verteuern – weshalb die Kostenanpassung dann durch jahrelangen Verzicht passieren musste. Schönen Dank.

Ganz so toll ist das Abwerten auf Dauer ohnehin nicht. Länder wie Frankreich haben einst erlebt, wie schnell man mit so etwas in eine Spirale aus Abwertung, abwertungsbedingter Inflation und erneuter Abwertung geraten kann. Am Ende blieb die Bindung an die Mark, nur dass Frankreichs Inflation von da an durch Deutsche in Frankfurt geprägt wurde. Das hätten umgekehrt auch die Deutschen auf Dauer sicher nicht so lustig gefunden.

Die Bundesbank war spätestens Anfang der 90er heillos überfordert, mit ihrer Geldpolitik de facto Zins und Geldwert in weiten Teilen Europas zu bestimmen. Zudem verursachte angesichts des stärkeren Gewichts der D-Mark ihr Wirken auch jenseits Europas mehr Kollateralschäden als im kleinen Deutschland vor 60 Jahren – etwa, wenn Zinserhöhungen wie 1992 den Dollar stürzen ließen, dies andere Europäer mitriss und die US-Wirtschaftspolitik konterkarierte. Und sie war überfordert, weil sich der Hang zur Aufwertung verselbstständigte – auch wenn Abwertungen dringend nötig gewesen wären. Das hat Wachstum und Jobs gekostet.

Nehmen wir an, es gäbe die D-Mark noch: Wahrscheinlich hätten Schocks wie der 11. September, Ölpreisschübe, Irakkrieg oder Subprime-Krise gereicht, um die deutsche Währung immer absurder hochschießen zu lassen – nicht nur zum Dollar, auch gegenüber Lira, Peseta oder Pfund. Dann wären die Kostenvorteile weg gewesen, die deutsche Unternehmen mit der Sanierung der letzten Jahre gegenüber Italienern, Spaniern oder Franzosen erzielten – und die zum Aufschwung beigetragen haben.

Weniger Bundesbank wäre mehr

Die Deutschen wären wahrscheinlich jetzt noch in der desaströsen Spirale aus immer neuen Kostenkürzungen und entsprechend depressiver Binnenkonjunktur. Und die Arbeitslosigkeit läge eher bei sechs als bei drei Millionen. Dann lieber ohne D-Mark.

Über der EZB liege noch der Schatten der Bundesbank, ätzten kürzlich die Kollegen der FT in London. In der Tat scheint das Problem der Nach-D-Mark-Zeit eher, dass zu viel vom zweifelhaften Teil des Bundesbankgeists fortbesteht, nicht zu wenig. Dass es zwar im Euro-Raum keine Devisenturbulenzen mehr gibt, dafür aber der Euro gegenüber dem Rest der Welt zu absurder Überbewertung tendiert. Und dass jetzt die EZB überfordert scheint, weil sie Zinspolitik wie in Quarantäne macht – egal, welche Zerreißproben dies realwirtschaftlich in der Euro-Zone mit sich bringt; oder wie stark sie den Dollar in die Tiefe reißt und so US-Versuche konterkariert, den Absturz zu stoppen. Das ginge auch spannungsfreier.

Die D-Mark war lange Zeit prima. Es wäre aber an der Zeit, die Grenzen des Erfolgs einzugestehen und die Fehlentwicklungen im Euro-Raum jetzt nicht aus lauter Verklärung von 60 Jahren D-Mark zu wiederholen.

E-Mail fricke.thomas@ftd.de

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