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… Mikrokredite

2. Juli 2008

Mikrokredite werden als wirkungsvolle Waffe gegen Armut gefeiert. Woher sie kommen, wie sie funktionieren und warum sie auch deutschen Unternehmensgründern und Mittelständlern helfen können.

 

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Unter Mikrokrediten versteht man in der Entwicklungspolitik Kleinstkredite von einem bis zu 1000 Euro. Spezialisierte Finanzdienstleister und nichtstaatliche Organisationen vergeben sie üblicherweise an Kleingewerbetreibende in der Dritten Welt. Weltweit wird die Zahl der Mikrofinanz-Institute auf über 70.000 geschätzt.

Mangels finanzieller Sicherheiten haben Arme in Entwicklungsländern meist keine Chance auf die klassischen Bankkredite. Sie geraten daher oft in die Abhängigkeit von örtlichen Kredithaien und können sich nicht aus der Armut befreien. Mikrokredite sollen diesen Teufelskreis durchbrechen. Denn oft reichen schon kleine Beträge, um den Weg in eine selbstständige Existenz zu ebnen oder sichern.

Das Erfolgsrezept der Minikredite: Sie werden überwiegend an Gruppen vergeben. Fällt ein Kredit aus, werden keine weiteren mehr gewährt. Das erhöht den Druck, das Geld zurückzuzahlen. Außerdem sind die Kredite an eine Geschäftsidee gekoppelt und mit einer Laufzeit von 6-36 Monaten recht kurz. Viele Mikrofinanzinstitute erzielen Rückzahlungsquoten von 95 bis 100 Prozent.

Die Geldmittel stammen aus Spareinlagen der lokalen Bevölkerung oder von internationalen Kapitalgebern. Inzwischen können auch Privatpersonen Mikrokredite an einen selbst ausgesuchten Kreditnehmer in einem Entwicklungsland gewähren – über das Internet.

Mikrokredite haben eine langen Geschichte. Den ersten erfand Friedrich Wilhelm Raiffeisen. 1862 gründete der damalige Bürgermeister einer Gemeinde im Westerwald eine Darlehenskasse. Mit kleinen Krediten wollte er die Wirtschaft ankurbeln. Seine Philosophie: Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Nachhaltigkeit, keine Almosen.

Muhammad Yunus verfolgt die gleichen Prinzipien. Der Ökonomie-Professor aus Bangladesch hat die Mikrokredite weltweit bekannt gemacht. 1976 hatte er in einem Dorf nahe seiner Heimatstadt Chittagong einige Dutzend Arbeitslose gefragt, wie viel Startkapital sie für den Aufbau einer Existenz benötigten. Fast niemand brauchte mehr als einen Dollar. Yunus lieh daraufhin 42 Familien insgesamt 27 Dollar. 1983 gründete Yunus die Graheem-Bank, die auf die Vergabe von Mikrokrediten spezialisiert ist. Im Jahr 2006 erhielten Yunus und seine Bank den Friedensnobelpreis.

Seit den 1990er Jahren ist die Idee der Mikrokredite nach Europa zurückgekehrt. Viele Existenzgründer wollten den Weg aus der Arbeitslosigkeit schaffen, doch fehlte ihnen das nötige Startkapital. In vielen europäischen Länder entstanden die ersten Mikrokreditinstitute.

Der Leitgedanke der Minikredite hat sich auch nach Deutschland übertragen. Nach der Definition der EU sind Mikrofinanzierungen gewerbliche Finanzierungen mit einem Volumen von bis zu 25.000 Euro. Insgesamt haben nach Angaben der staatlichen Förderbank KfW im Jahr 2006 rund 61.000 Gründer und mittelständische Unternehmen einen Mikrokredit aufgenommen. Dies entspricht einem Gesamtvolumen von 5,28 Mrd. Euro.

Die Zahl der Mittelständler, die eine Mikrofinanzierung in Anspruch genommen haben, ist im Zeitraum von 2003 bis 2006 um 155.000 auf zuletzt 407.000 gewachsen. Von den rund eine Millionen Unternehmensgründern hat nahezu jeder vierte seine Firma mit Hilfe eines Mikrokredits gegründet. Die Mehrheit brauchte dafür weniger als 10.000 Euro, die meisten sogar maximal 3.000 Euro.

Sagen Sie bei Gesprächen über Mikrokredite, dass sie nicht nur Armen in Entwicklungsländern, sondern auch deutschen Mittelständlern einen möglichen Ausweg aus schwierigen finanziellen Situationen bieten können.
 

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