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Grenzen der Marktwirtschaft

27. Juli 2008

Der Glaube, dass die Globalisierung die Armen weiter zurück fallen lässt, ist gefährlicher Unsinn. Gerade die Entwicklungsländer profitieren vom freien Welthandel. Dennoch muss die Marktwirtschaft gezügelt werden. Denn sie hat auch ihre Schwächen, wie sich etwa beim Schutz der natürlichen Ressourcen zeigt.

 

Globalisierungsgegner behaupten, dass die verflochtene Weltwirtschaft nur den Reichen dient und der Rest der Menschheit verarmt. Daher sollte die freie Marktwirtschaft gezügelt werden.

Dass unzählige Menschen diesen Gedanken für richtig halten, ändert nichts an der Tatsache, dass er gefährlicher Unsinn ist. Im letzten Jahrhundert war die Globalisierung in einem noch nie dagewesenen Ausmaß erfolgreich. Das Bruttoweltprodukt – die menschliche Produktion der Welt – ist seit 1950 achtfach gestiegen. Die Weltbevölkerung hat sich seit 1950 um mehr als 4 Milliarden Menschen vergrößert, von 2.5 Milliarden in 1950 auf 6.6 Milliarden heutzutage.

Das materielle Wachstum der Welt ist nicht hauptsächlich in die Taschen der Reichen geflossen. Ganz im Gegenteil, während das wirtschaftliche Wachstum vor hundert Jahren sich hauptsächlich in Europa, den Vereinigten Staaten, Japan und wenigen anderen Regionen der westlichen Welt abspielte, hat es jetzt auch China, Indien, Brasilien und viele andere Entwicklungsländer mächtig erreicht. Mit manchen wichtigen Ausnahmen (die hauptsächlich in Afrika zu finden sind) beobachten wir, dass ärmere Länder meistens schneller als reiche Länder wachsen. Die durchschnittliche Wachstumsrate von China in den letzten 15 Jahren betrug an die 9 Prozent. Korea (reicher als China) wuchs an die 5 Prozent. Singapur (reicher als Korea) wuchs an die 4 Prozent. Großbrittanien (reicher als Singapur) wuchs mehr als 2 Prozent und Deutschland und Frankreich wuchsen an die 1.5 Prozent.

Tatsache ist, mit anderen Worten, dass das globalisierungserzeugte Wachstum hauptsächlich in die Taschen der Armen geflossen ist. Dies ist nicht verwunderlich. Globalisierung verbreitet technologischen Fortschritt und Wissen – Elektrizität, Straßen, Telefonnetzwerke, Internetverbindungen, Bewässerungsmethoden, Krankheitsbekämpfung, usw. – und dies können die armen Länder besser ausbeuten als die reichen, aus dem einfachen Grund, weil die armen Länder weniger entwickelt sind.

Daher ist die Behauptung der Globalisierungsgegner, dass die Globalisierung den Armen schadet, Unsinn. Nicht nur das, sie ist gefährlicher Unsinn, da sie den Globalisierungsbefürwortern das Leben zu einfach macht. Da die meisten armen Länder offensichtlich mehr von der Globalisierung gewinnen als die reichen Länder, könnte man zum Schluss kommen, dass wir die freie Marktwirtschaft ungezügelt ihr magisches Werk tun lassen sollten.

Dies wäre aber auch falsch. Denn die Globalisierung ist zu erfolgreich in der Produktion von Gütern und Dienstleistungen. Aus diesem Grund erleben wir heutzutage die Gefahr – erstmals in der Geschichte der Menschheit – dass die Menschheit ihren Planeten, ohne dies rückgängig machen zu können, beschädigen könnte. Denn die Produktion von Gütern und Dienstleistungen erfordert natürliche Ressourcen – Wasser, Photosynthese, ackerbaren Erdboden, Öl, usw. Diese Ressourcen werden durch das Wachstum der Weltwirtschaft erschöpft. In vielen Ländern wird Wasser viel schneller aus der Erde geschöpft, als es durch den natürlichen Prozess regeneriert werden kann. Neue Wüsten entstehen. Mehr und mehr Wissenschaftler befürchten, dass unser Planet sich den Grenzen seiner Photosynthesekapazität nähert. Fischvorräte in unseren Meeren schwinden. Ölvorräte werden knapper.

Dieser menschliche Einfluss auf unsere Umwelt kann in folgender einfachen Weise zusammengefasst werden. Die menschliche Nachfrage (N) für natürliche Ressourcen besteht aus dem Produkt folgender Komponenten:

         die Anzahl (A) der Menschen auf der Erde,

         das durchschnittliche Einkommen (E) pro Person und

         die Ressourcenerfordernis (R) pro Einkommenseinheit (z.B. pro Euro von Einkommen).

Das Ausmaß der natürlichen Ressourcen, die wir von der Erde holen, können daher ganz einfach ausgedrückt werden: N = A x E x R.

Die Anzahl der Menschen wächst. Bis zur Mitte dieses Jahrhunderts wird die Weltbevölkerung voraussichtlich von 6.6 Milliarden heute auf 9.2 Milliarden in 2050 steigen. Ohne Massenkatastrophen – weit verbreitete Kriege oder Massenepidemien – ist dieser Prozess mittelfristig kaum zu beeinflussen.

Das durchschnittliche Einkommen pro Person wächst auch, besonders in den ärmeren Ländern, Dank der Globalisierung. Da wir den materiellen Wohlstand den Armen nicht verwehren wollen, möchten wir diesen Prozess nicht dämpfen.

Daher bleibt uns nur eine Möglichkeit, unseren Verbrauch der natürlichen Ressourcen zu zügeln, um ihn mit der Lebenserhaltungskapazität unseres Planeten in Einklang zu bringen: die Ressourcenerfordernis pro Einkommenseinheit muss gesenkt werden. Wir müssen neue Technologien entwickeln, um saubere Energie zu produzieren, dürreresistente Samenarten entwickeln, umweltfreundliche Fischzüchtereien erzeugen, usw. Um all diese Dinge zu erreichen, brauchen wir neue Ideen und die Motivation, diese Ideen umzusetzen.

Und somit gelangen wir an eine tragische Grenze der Marktwirtschaft: Freie Märkte erzeugen ungenügend Anreize, um neue Ideen zu entwickeln. Der Grund ist, dass die Erfinder und Entwickler meist nur einen kleinen Teil des Nutzens ihrer Ideen sich aneignen können, denn die entstandenen Ideen stehen jedem zur Verfügung. Die Marktwirtschaft ermutigt Menschen neue Ideen zu entwickeln, in dem sie ihnen privaten Gewinn davon verspricht. Aber der private Gewinn ist weit kleiner als der gesamte Gewinn der Weltgesellschaft. Daher wird in der freien Marktwirtschaft zu wenig erfunden und entwickelt.

Eingriffe in die Marktwirtschaft, zum Beispiel durch Patente und Subventionen, helfen, aber reichen meistens nicht aus. Die potentiell wichtigsten Ideen wären diejenigen, die den ärmsten Ländern der Welt eine umweltfreundliche Entwicklung ermöglichen würden. Aber die ärmsten Länder können sich wenig leisten und daher können von ihnen wenig marktwirtschaftliche Anreize entstehen.

Die Weltgemeinschaft braucht neue internationale Abkommen, die fehlenden Anreize zu produzieren. Dies ist eine wahre Herausforderung der Globalisierung.

Von Dennis Snower

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