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Carl H. und Timur Tretner – Amerika im Aufwind

12. August 2008

In jüngster Zeit hört man von Wirtschaftsexperten, dass sich Amerika wahrscheinlich schneller erholen wird als Europa. Doch amerikanische Kommentatoren reden immer noch von Rezession, die schon eingetreten sei oder aber in Kürze zu erwarten sei, und warnen vor den erheblichen Auswirkungen der Finanzkrise auf die reale Wirtschaft  (Alan Greenspan) und dem Abfall des privaten Konsums. Dieses düstere Szenario  entspricht nicht den ökonomischen Fakten.

Wie ist denn angesichts dieser Weltuntergangsstimmung der Anstieg des Bruttoinlandsprodukts im zweiten Quartal des Jahres auf eine jährliche Wachstumsrate von 1,9 Prozent zu erklären? – Auch die Entwicklung am Arbeitsmarkt ist keineswegs dramatisch, insbesondere nicht, wenn man die Zahlen – trotz statistischer Vorbehalte – zumindest der Größenordnung nach mit den deutschen Zahlen der vergangenen Jahre vergleicht.

Amerikanische Statistiker und Analysten registrieren die ökonomische Entwicklung anhand der Veränderungsraten gegenüber dem Vormonat. Uns Deutschen sind die Veränderungsraten gegenüber dem Vorjahresmonat geläufiger. Auf Vorjahresmonate bezogen bewegt sich der Anstieg der Aufträge im Verarbeitenden Gewerbe der USA seit Oktober 2007 um 5 Prozent (im Juni 7 Prozent). Allerdings ist das Gewicht des Verarbeitenden Gewerbes in den USA mit etwa 13 Prozent geringer als in Deutschland. Gleichzeitig steigen aber auch die monatlichen Exporte von Gütern und Dienstleistungen der USA im Vorjahresvergleich seit einem Jahr in der Größenordnung von 15 bis 21 Prozent. Im  ersten Halbjahr 2008 lagen sie 18,8 Prozent über dem ersten Halbjahr 2007 und erreichen damit fast die chinesische Steigerungsrate von 22,6 Prozent für das Halbjahr. Das sind Erfolge, die die deutsche Wirtschaft, deren Exportwachstum im gleichen Zeitraum etwa 6,0 Prozent betrug, in den Schatten stellen.

Die außenwirtschaftliche Situation der amerikanischen Wirtschaft ist  besser als es das hohe Defizit der Zahlungsbilanz spiegelt. Der Anstieg des nominellen Defizits ist zum Teil statistischer Natur, verursacht durch die schnelle Abwertung des Dollars seit Anfang 2007 gegenüber einer Vielzahl von Währungen ihrer Handelspartner (J-Curve-Effect). In den nächsten Monaten ist damit zu rechnen, dass sich der Rückgang des Defizits fortsetzen wird.

Warum also der pessimistische Ausblick unserer amerikanischen Partner? Sie sind in ihrem Urteil zu sehr auf die Entwicklung der einheimischen Nachfrage konzentriert und scheinen zu wenig mit Wechselkursmechanismen und ihren Wirkungen vertraut zu sein, um einen Beitrag der Außenwirtschaft zur wirtschaftlichen Verbesserung der Lage des Landes zu erwarten.
 

Carl H. Tretner ist Professor für Volkswirtschaftslehre (em.) und Berater am Finanzministerium der Ukraine; Timur Tretner ist Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wirtschaftstheorie der TU Berlin.

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