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Die Kolumne – Deutschland träumt noch

4. September 2008

Europa koppelt sich gerade eindrucksvoll von der US-Wirtschaft ab – nur leider in die falsche Richtung. Ein Desaster, das deutsche Notenbanker und Konjunkturpaket-Neurotiker in Erklärungsnot bringt.

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Amerika hat eine Krise, mit der Deutsche und Europäer dank Reformen und Radikalkuren nur sehr bedingt zu tun haben. So oder so ähnlich klingt, was Bundesbanker und Regierung derzeit vor sich her erzählen. Die deutsche Wirtschaft sei doch in besserer Verfassung als die amerikanische, meldet Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen.

Komisches Verständnis von wirtschaftlicher Verfassung. Die Europäer scheinen sich in der Tat gerade von der US-Konjunktur abzukoppeln – nur leider in die falsche Richtung. Ein Desaster. Könnte sein, dass US-Politiker auf Ölpreisexplosion und Finanzdramen viel besser reagiert haben, als es die Ultraszene europäischer Notenbanker, Finanzminister und sonstiger Konjunkturpaket-Neurotiker vermittelt.

Amerika hält sich wacker

 Nach offizieller Schätzung ist die US-Wirtschaft zuletzt um gut drei Prozent gewachsen – die Euro-Wirtschaft um zwei Prozent geschrumpft. Die US-Industrie bekam im Juni fünf Prozent mehr Aufträge als im Januar, die deutsche ein Zehntel weniger. Die Amerikaner konsumieren trotz Benzinpreisrekorden ein Prozent mehr als zu Beginn des Ölschocks, die Deutschen 1,3 Prozent weniger. Und US-Firmen verkaufen ein Fünftel mehr Waren im Ausland – die Deutschen nur fünf Prozent (siehe Grafiken).

Dahinter stecken mehr als nur Ausreißer. Nach Umfragen unter Einkaufsmanagern wächst die US-Wirtschaft zwar nicht mehr kräftig, sie steckt aber auch in keiner Abwärtsspirale. Der Index pendelt seit Monaten um die neutrale 50er-Marke. Anders als in der Euro-Zone, wo er um 5 auf 47 Punkte eingebrochen ist und fast alle Frühindikatoren im freien Fall sind.

Noch im Juni glaubten Experten der OECD, die US-Wirtschaft werde 2008 langsamer wachsen als die Europas. Nach der neuen Prognose wird es erstmals seit drei Jahren umgekehrt sein. Die Ökonomen der Deutschen Bank rechnen bereits mit Rezession – im Euro-Raum, nicht in den USA, der Mutter von Subprime und Blasen.

Wenn das stimmt, drängt sich die Frage auf: Warum? Am Ölpreis kann es nicht liegen. Der ist ja für die Europäer nicht stärker gestiegen als für die Amerikaner. Im Gegenteil: Die Euro-Aufwertung trug lang dazu bei, dass die Verteuerung in Euro weniger schlimm ausfiel als in Dollar.

Ebenso abwegig wäre die Vermutung, die Finanzkrise schade Europa stärker. In den USA sind die Hausinvestitionen atemberaubend eingebrochen, in Europa höchstens in ein paar Ländern. In den USA sind einige Banken bereits pleite, nicht hier. In Europa werden immer noch ordentlich Kredite vergeben, eher als drüben. Auch das kann’s nicht sein.

Zumindest gewagt wäre auch die frühere Standarderklärung, dass Amerika eben strukturell viel besser und flexibler ist – wo es im Boom gerade noch hieß, dass Deutschland jetzt viel besser dastehe, und selbst Ifo-Chef Hans-Werner Sinn diagnostiziert, dass dank Hartz, Simsalabim, die Sockelarbeitslosigkeit sinkt. Mal sehen, wann die Ersten wieder sagen, dass Deutschland eben zu wenig reformiert hat (Was macht eigentlich Sabine Christiansen?).

Plausibler ist etwas anderes. Die Amerikaner haben „das bessere makroökonomische Krisenmanagement“, sagt Thomas Mayer, Europa-Chefökonom der Deutschen Bank. Der US-Konsum ist nicht eingebrochen, weil die Regierung 90 Mrd. $ Steuerschecks verschickt hat. Nach Schätzung der US-Ökonomen Christian Broda und Jonathan Parker haben die Schecks im zweiten Quartal ganz unmittelbar zu 2,4 Prozent mehr Ausgaben für langlebige Güter geführt – was das Konsumgefälle zum steuerscheckfreien Deutschland ganz gut erklärt.

Die US-Politiker haben zwei Prozent der Wirtschaftsleistung gegen den Absturz aufgebracht. Das hielten die Euro-Kollegen nicht für nötig (siehe Grafik). In den USA hat die Notenbank dafür gesorgt, dass die Zinsen am Geldmarkt heute fast drei Prozentpunkte niedriger liegen als bei Ausbruch der Krise. In der Euro-Zone ist Geldausleihen heute 0,8 Prozentpunkte teurer. Und während der Dollar zugunsten der US-Exporteure über Monate immer billiger wurde, setzten Europas erklärte Währungshüter auch hier nichts entgegen: Der Euro war im Juli weltweit 18 Prozent teurer als Anfang 2006. Ein gigantischer Wettbewerbsschock.

Höhere Zinsen in der Krise

Nehme man Geld- und Devisenmarkttrends zusammen, haben sich die monetären Rahmenbedingungen der Euro-Zone so stark verschlechtert, dass dies einer Leitzinserhöhung um 1,5 Punkte gleichkomme, so Mayer. Mitten im Abschwung. Und ohne dass die Kerninflation nur einen Hauch angezogen hat. Absurd.

Man kann streiten, ob das, was Regierung und Notenbank in den USA tun, nicht zu viel des Guten ist. Immerhin werden die Amerikaner auf Dauer mehr sparen müssen. Es gehört aber nicht viel Fantasie dazu zu erkennen, warum die Europäer nun in eine Krise rauschen.

Amerika hat die Abwärtsspirale 2008 verhindert, in die die Euro-Zone jetzt zu fallen droht. Wer inmitten globaler Turbulenzen absurd steigende Zinsen hinnimmt, den Außenwert der Währung enorm steigen lässt und neurotische Kämpfe gegen Konjunkturpakete führt, die anderswo prima funktionieren – der darf sich nicht wundern, dass die Wirtschaft abstürzt.

 

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