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Jeffrey Garten – Zeit für die Superzentralbank

29. September 2008

Die Finanzkrise ist ein weltweites Phänomen und erfordert daher auch eine globale Reform der Kapitalmärkte. Der wichtigste Schritt: Der Aufbau einer internationalen Währungsbehörde.

Selbst für den Fall, dass die gewaltige finanzielle Rettungsaktion der US-Regierung Erfolg haben sollte, ist es nötig, im Anschluss daran über etwas sehr viel Weitergehendes nachzudenken: Wir brauchen eine globale Währungsbehörde, die sich um die mittlerweile grenzenlosen Märkte kümmern kann.

In Washington hat man bereits eingesehen, dass diese Krise einen globalen Charakter hat. US-Finanzminister Henry Paulson hat deutlich gemacht, dass ausländische Banken in den USA ein Anrecht auf staatliche Unterstützung haben. Und er drängt andere Nationen dazu, ihre eigenen Programme für Notverkäufe auszuarbeiten. Die wichtigsten Zentralbanken haben ihre Liquiditätshilfen für die Märkte schon untereinander abgestimmt.

Diese Schritte sollten die Richtung vorgeben für eine umfassendere internationale Antwort auf die laufende Finanzkrise. Es geht nicht nur darum, die lodernden Feuer zu löschen, sondern die Kapitalmärkte auf längere Sicht umzubauen und zu unterstützen.

Die vorhandenen globalen Institutionen sind nicht in der Lage, das Finanzsystem, das sich derzeit entwickelt, zu überwachen. Der Internationale Währungsfonds spielt in dieser Krise keine Rolle. Die Gruppe der sieben führenden Industrienationen ist nicht ausreichend legitimiert, da wichtige Akteure wie China, Brasilien und andere dort nicht vertreten sind. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich – die sogenannte Zentralbank der Zentralbanken – hat keine operative Funktion. Und die US-Notenbank steht zu sehr unter Druck, um als internationale Zentralbank auftreten zu können.

Dieses Vakuum birgt eine Gefahr für alle. Die Abhängigkeit der USA von massiven Zuflüssen ausländischen Kapitals (ungefähr 3 Mrd. $ am Tag) wird mit Sicherheit noch zunehmen – jetzt, da der Staat neue Verbindlichkeiten aus Notverkäufen in Höhe von 1000 Mrd. $ übernimmt. Washington und die Wall Street werden auf Jahre hinaus auf die enge Kooperation mit anderen Märkten angewiesen sein.

Darüber hinaus können die internationalen Dimensionen des Finanzwesens den Beobachter schwindlig machen. Die globalen Aktiva sind von 12 000 Mrd. $ im Jahr 1980 auf fast 200 000 Mrd. $ im Jahr 2007 angeschwollen. Ihr Wachstum übersteigt das der weltweiten Wirtschaftsleistung und des Handels bei Weitem. Ein zunehmender Anteil dieses Kapitals liegt nicht mehr in den USA und Europa, sondern in Ostasien und den Golfstaaten. Der US-Versicherungskonzern AIG hat mehr Kreditderivate und Versicherungspolicen außerhalb der USA verkauft als im Land. Die Schweizer Bank UBS hat 30 000 amerikanische Angestellte, ist an der New Yorker Börse notiert und besitzt das US-Brokerhaus Paine Webber.

Diese Entwicklung wird sich fortsetzen, da die jungen Marktwirtschaften doppelt so rasch wachsen wie die reichen Länder und gegen Mitte des Jahrhunderts fast zwei Drittel des globalen Sozialprodukts erwirtschaften werden.

Die Globalisierung wird auch zu einem Kampf der Philosophien führen. Die meisten Regierungen und Investoren außerhalb der USA haben das amerikanische System des Cowboy-Kapitalismus nie geteilt. Jetzt haben sie gute Gründe zu verlangen, dass die Art, mit der die USA ihre Finanzinstitutionen betreiben, sich grundlegend verändern muss. Dies kann auf zwei Wegen geschehen: Entweder das US-Modell wird bewusst und in Absprache mit anderen angepasst. Oder ausländische Investoren werden möglicherweise ihr Kapital eines Tages anderswo unterbringen.

All dies führt zu dem Schluss, dass letzten Endes eine internationale Währungsbehörde notwendig werden wird. Sie würde den Kapitalmärkten die Linie vorgeben, ohne dass eine öffentliche Aufsichtsfunktion und bestimmte Regeln für staatliche Eingriffe von vornherein ausgeschlossen werden. Zudem würde damit die Kapitalbildung wieder stärker am Ziel von Wirtschaftswachstum und Entwicklung ausgerichtet, als nur dem Handel um seiner selbst willen zu dienen.

Eine derartige Behörde könnte die regulierenden Aktivitäten der nationalen Behörden deutlich effektiver überwachen als der Internationale Währungsfonds und zudem darauf achten, wie eine begrenzte Zahl globaler Regulierungsvorschriften umgesetzt wird. Darüber hinaus kann sie globale Risiken im Auge behalten und ein effizientes Frühwarnsystem aufbauen. Wenn sie Alarm auslöste, wäre dies deutlich wirkungsvoller als bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich.

Eine weitere denkbare Funktion der Institution wäre die eines globalen „Konkursgerichts“, das multinationale Unternehmen oberhalb einer gewissen Mindestgröße umstrukturieren könnte. Die größten Finanzunternehmen der Welt müssten bei der Behörde registriert werden und sich ihrer regelmäßigen Überprüfung unterwerfen. Wer dem nicht Folge leistet, käme auf eine schwarze Liste. Unter diese Regel würden Handelsunternehmen und Banken fallen, aber auch Staatsfonds, große Hedge-Fonds und Private-Equity-Firmen.

Der Vorstand der neuen Kontrollinstanz könnte mit Zentralbankern aus aller Welt besetzt werden – nicht nur aus den USA, Großbritannien, der Euro-Zone und Japan, sondern auch aus China, Saudi-Arabien und Brasilien. Jedes Land, das dazu in der Lage ist, müsste sich mit Pflichtbeiträgen an der Finanzierung beteiligen.

Mit Blick auf die Politik in den USA und anderen Staaten ist eine globale Währungsbehörde vermutlich eine Idee, deren Zeit noch nicht gekommen ist. Je weiter die aktuelle Krise jedoch voranschreitet, desto eher kann sich dieser Umstand ändern.

Jeffrey Garten ist Professor für internationalen Handel und Finanzen an der Yale School of Management.

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