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Die Kolumne – Serial Bundesbank

9. Oktober 2008

Zum vierten Mal in 20 Jahren haben deutsche Notenbanker eine Finanzkrise völlig falsch eingeschätzt – und Zinserhöhungen binnen Wochen hektisch zurücknehmen müssen. Es ist Zeit für eine stärkere Kontrolle.

Vor Kurzem erklärten Europas Notenbanker noch wortstark, warum die Euro-Wirtschaft höhere Zinsen braucht. Kaum hundert Tage später folgt der spektakuläre Rückzieher: Die Währungshüter haben diesen Mittwoch in einer einmaligen globalen Panikaktion den Leitzins wieder gesenkt.

Das kann passieren, könnte man jetzt sagen. Das Drama ist: Zur Zinserhöhung vom Juli haben im Rat der Euro-Bank die Deutschen gedrängt. Und: Keine andere Währungsbehörde hat einen so erschreckenden Hang, in Finanzkrisen danebenzuliegen, wie die Bundesbank – mit stets weitreichenden Folgen. Vielleicht wäre es an der Zeit, auch (deutsche) Währungshüter künftig stärker zu kontrollieren.

Schräge Anreize für Notenbanker

Die Chronologie der letzten Wochen folgt fast auf den Tag dem Bundesbank-Debakel 1992 ab. Wie jetzt mehrten sich schon im Frühsommer die Anzeichen für einen Konjunkturabsturz. Der Ifo-Geschäftsklimaindex war in wenigen Monaten um fünf Prozent gefallen, an den Finanzmärkten herrschte Krisenalarm, damals im Europäischen Währungssystem. Trotzdem hoben die Bundesbanker am 16. Juli ihre Leitzinsen an, weil angeblich in Deutschland anhaltende Inflationsgefahr herrschte.

Was darauf folgte, war eine Zuspitzung der Krise an den Finanzmärkten, das Auseinanderbrechen des Europäischen Wirtschaftssystems und der Absturz des Ifo-Index auf Rezessionsniveau. Woraufhin auch die Bundesbank korrigierte: Keine zwei Monate nach der Zinserhöhung, als das Desaster kaum mehr zu leugnen war, sanken plötzlich auch die deutschen Leitzinsen wieder. Ziemlich spät.

Das Gleiche gilt mit Abstrichen für den Aktiencrash 1987. Auch damals weigerten sich die Bundesbanker trotz Bitten aus den USA, die Zinsen zu senken, um (damals) den Dollar zu stützen. Bis im Oktober der Crash kam. Kurz darauf folgte – zu Recht – die Zinssenkung.

Anno 2008 lagen zwischen Zinserhöhung und Kapitulation an diesem Mittwoch ebenfalls nur ein paar Wochen. Kleiner Vergleich: Der Ifo-Index ist jetzt genau auf dem Krisenniveau, das er 1992 im September hatte – was Experten, offenbar nur außerhalb des Euro-Towers, seit Wochen befürchteten (siehe Grafik).

Als unglückliche Unfälle lassen sich derlei Ausfälle kaum noch einordnen, zumal deutsche Währungshüter auch in den Krisen 1998 und 2001 nicht unbedingt als geldpolitische Avantgarde auffielen. Das heißt nicht, dass sie allein schuld sind, wenn sich besagte Krisen in der Folge regelmäßig zuspitzen. Es reicht schon, dass sie offenbar keine dieser Krisen richtig einschätzten. Bundesbankchef Axel Weber tönte noch vor ein paar Wochen, die EZB müsse ihre Zinsen möglicherweise nochmal anheben. Wahnsinn.

Jedes Mal stellt sich nach kurzer Zeit heraus, dass die Notenbanker zu optimistisch in Sachen Konjunktur und Finanzmarktstabilität waren. Jedes Mal erweisen sich rasch auch ihre Inflationssorgen als übertrieben, mit denen sie die Zinserhöhung begründeten. Der Inflationsdruck geht in Rezessionen einfach mit enormer Wahrscheinlichkeit zurück – und das ist auch in jeder der genannten Krisen geschehen.

Eine Erklärung für die serienmäßigen Fehleinschätzungen könne sein, dass die Zentralbank per se schlechte Prognosen mache, sagt Philippe Sigogne, einer der renommiertesten Konjunkturexperten in Europa.

Eine gravierendere Erklärung wäre, dass der Fehler im Anreizsystem des typisch deutschen Notenbankerverständnisses liegt. Bundesbanker leben mehr als andere Währungshüter mit dem Auftrag, im Grunde nur jegliche Inflation bekämpfen zu müssen – und mehr als andere in der tiefen Überzeugung, ohnehin nie etwas dafür zu können, wenn die Konjunktur schlecht läuft. Beides ist ökonomisch strittig, kommt den Betreffenden aber gelegen – und macht menschlich nachvollziehbar, warum unsichere deutsche Währungshüter in kritischen Situationen dazu neigen, selbst kleinere Inflationsgefahren immer höher einzustufen als die Gefahr von Finanzturbulenzen oder konjunkturellen Abstürzen (an denen sie ja nach durchsichtiger Eigendefinition ohnehin nie schuld sind).

Das würde ihre schräge Wahrnehmung von Gefahr erklären. Und es würde auch auflösen, warum das Desaster gerade in den Endphasen von Aufschwüngen auftritt: Denn das ist die Zeit, wenn die Inflation als Nachwirkung guter Konjunktur typischerweise noch hoch ausfällt, konjunkturelle Frühindikatoren aber bereits abstürzen. Wie im Sommer 1992. Oder 2008. Das Problem sei, so Sigogne, dass Europas Notenbanker zu wenig vorausschauend agierten und zu stark auf vergangene Inflationsdaten reagierten – mit dem Ergebnis, dass sie konjunkturelle und andere Krisen über höhere Zinsen stets noch verschärfen.

Wenn stimmt, dass Europas Zentralbanker strukturell Gefahr laufen, Inflationsgefahren gerade bei nahenden Rezessionen zu überschätzen, wäre es dringend an der Zeit, die Anreizmechanismen für (deutsche) Zentralbankräte zu korrigieren – spätestens wenn die akute Finanzkrise im Griff ist. Warum sollten die Notenbanker nicht selbst auch stärker unter Aufsicht stehen, etwa durch einen Rat von ebenfalls unabhängigen Experten, die per Auftrag aber nicht so einseitig nur Inflationsneurosen pflegen.

Mag sein, dass US-Notenbanker Konjunkturgefahren eher überschätzen. Bei der EZB ist es umgekehrt – mit womöglich gravierenden Folgen, wie die konjunkturellen Absturzsignale seit Juli befürchten lassen. Die damalige Zinserhöhung habe gute Chancen, als „größter geldpolitischer Fehler der Nachkriegszeit“ in die Geschichte einzugehen, unkt der britische „Telegraph“. Und der US-Ökonom Mervyn Krauss vermutet, die EZB habe ihre Prognosen politisch manipuliert – um höhere Zinsen zu begründen. Vielleicht ist zu viel Unabhängigkeit am Ende auch nicht gut.

e-Mail fricke.thomas@ftd.de

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