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Deutschland im Abschwung – ein Branchen-Check

28. Oktober 2008

Kleine Lesetipp: In der FTD-Printausgabe finden Sie heute ein Poster, auf dem unsere Branchenexperten einen Check machen, welche Branchen vom derzeitigen Abschwung wie stark getroffen sind. Hier sind die noch mehr Branchen und Branchendetails.

*Elektrotechnik

Die Elektrotechnikunternehmen spüren nach Auskunft ihres Branchenverbands ZVEI seit einigen Monaten eine „zyklisch langsamere Gangart weltweit“ und schrumpfende Aufträge. Die Prognose für das nächste Jahr lautet deshalb vorsichtig, dass ein Umsatzwachstum von „bis zu zwei Prozent“ erwartet wird. „Keiner kann so recht ausmachen, welche Folgen die Finanzmarktturbulenzen haben werden“, so ZVEI-Chefvolkswirt Andreas Gontermann. Neben einer restriktiveren Kreditvergabe beeinträchtigen auch hohe Rohstoffpreise und der starke Euro das Geschäft. Für 2008 rechnet der ZVEI trotzdem noch mit einer Steigerungsrate von vier Prozent, wegen der guten ersten Jahreshälfte. 

In den Aufschwungjahren seit 2006 haben die Elektrotechnikunternehmen 31000 neue Arbeitsplätze geschaffen und beschäftigen derzeit 830000 Mitarbeiter. Bislang will die mittelständisch geprägte Branche diesen Stand auch im Jahr 2009 halten – in der Hoffnung, dass es bei einer Konjunkturdelle bleibt und sich schon im zweiten Halbjahr 2009 Besserungstendenzen einstellen. Großkonzerne wie Siemens und Infineon haben aber mit dem Abbau bereits angefangen: Bei Siemens fallen bis 2010 rund 17000 der 420000 Arbeitsplätze weg, bei Infineon bis Sommer 2009 3000 der 30000 Stellen. (Angela Maier)

*Einzelhandel

Noch ist völlig unklar, wie stark und wie schnell sich die Krise auf die Kauflaune der Verbraucher auswirken wird. Das Marktforschungsinstitut GfK geht davon aus, dass die Turbulenzen an den Börsen die Konsumstimmung deutlich dämpfen. Die deutschen Einzelhändler versuchen dennoch, zuversichtlich zu wirken. Nach Angaben des in Zweckoptimismus geübten Branchenverbandes HDE laufen die Geschäfte stabil, auch drohe den Händlern keine Kreditklemme, heißt es. Die Handelskonzerne Edeka und Rewe haben vor Kurzem sogar angekündigt, jeweils 25000 neue Stellen in den kommenden Jahren zu schaffen. Experten gehen allerdings davon aus, dass die 2,7 Millionen Beschäftigten der Branche in der kommenden Zeit unter Entlassungenwellen leiden werden. Der HDE hält an seiner Prognose für 2008 fest, nach der ein nominales Wachstum von 1,5 Prozent und ein reales Minus von 1 Prozent zu erwarten sind. Für 2009 hat der Verband noch keine Prognose gewagt. (Katja Wilke)

*Konsumgüterbranche

Etwas mehr Realitätssinn als die Einzelhändler zeigen die Konsumgüterhersteller. Der Ernährungsindustrieverband BVE, dessen Mitgliedsunternehmen 530000 Menschen beschäftigen und einen Umsatz von fast 147 Mrd. E erwirtschaften, rechnet mit einer weiteren Verunsicherung der Verbraucher, die sich in hoher Preissensibilität und Kaufzurückhaltung ausdrücken könnte. Auch der Markenverband, in dem Konsumgüterhersteller wie Procter&Gamble, Beiersdorf und Nestlé organisiert sind, macht sich wenig Hoffnungen für die nächste Zeit. Man habe schon in den vergangenen Monaten stark unter der nachlassenden Konsumfreude gelitten, nun versetze die Finanzkrise der Entwicklung zusätzlichen Schwung. Bei ihren Prognosen orientieren sich die Konsumgüterhersteller gewöhnlich eng an den Zahlen des Herbstgutachtens der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute. Bei der Prognose für das kommende Jahr rückt die Branche etwas vom Gutachten ab: Die Forscher rechnen nur noch mit einem Wirtschaftswachstum von 0,2 Prozent, im Frühjahr waren es noch 1,4 Prozent. Der Markenverband, dessen Mitgliedsunternehmen rund 1,5 Millionen Menschen beschäftigt, nennt keine genaue Zahl, erwartet aber ein stärkeres Wachstum. (Katja Wilke)

* ITK-Branche 

In der deutschen ITK-Branche herrscht bei den meisten Unternehmen noch Optimismus. Rund 86 Prozent der deutschen ITK-Unternehmen spüren bislang keine direkten Auswirkungen der Finanzkrise auf ihr Geschäft, zeigt eine aktuelle Umfrage des Branchenverbands Bitkom. 60 Prozent erwarten auch in den kommenden Monaten keine negativen Auswirkungen. Nur 13 Prozent der Firmen wollen bei Neueinstellungen vorsichtiger agieren.

Dabei sind Analysten vor allem für das kommende Jahr skeptisch. Das US-Marktforschungsunternehmen Gartner rechnet im schlimmsten Fall für 2009 weltweit mit einem Wachstum der IT-Ausgaben von nur noch 2,3 Prozent – weniger als die Hälfte der ursprünglichen Prognose. Schon in diesem Jahr haben mehr als 40 Prozent der großen Unternehmen in Nordamerika und Westeuropa ihre IT-Budgets gekürzt, haben die Marktforscher von Forrester ermittelt.

Erste IT-Unternehmen spüren schon jetzt eine Kaufzurückhaltung bei den Kunden. SAP verzeichnete Ende September einen unerwarteten Abschwung des Geschäfts. Dell rechnet mit einer weiter sinkenden Nachfrage. Microsoft senkte seine Prognose für das Gesamtjahr. (Martin Ottomeier)

Kleiner Zusatz in Sachen Telekommunikation:

Die deutschen Telkommunikationsunternehmen werden 2008 nach Schätzung des Branchenverbandes Bitkom rund 66,5 Mrd € umsetzen. Der Löwenanteil davon entfällt auf die Netzbetreiber und andere Diensteanbieter, die gut 56 Mrd. € Erloese erwirtschaften. Weitere 5,6 Mrd € entfallen auf die Infrastrukturgerätehersteller, 4,8 Mrd. € auf die Endgerätebauer. 2007 hatte die Branche laut Bitkom insgesamt 263500 Beschäftigte. Nach Zahlen der Bundesnetzagentur entfielen davon alleine rund 215000 auf die Netz- und Diensteanbieter. Die Wettbewerber der Deutschen Telekom erwirtschafteten 2007 mit 56300 Mitarbeitern rund 52 Prozent aller Umsätze in mobilfunk und Festnetz. Im DSL-Markt hatten sie Ende 2007 gut 51 Prozent aller Anschlüsse geschaltet. Lediglich bei herkömmlichen Telefonanschluessen kamen die Telekom-Wettbewerber auf einen vergleichsweisen geringen Marktanteil von 18,2 Prozent oder 7,1 Millionen Anschlüssen.

* Chemie

Das klarste Signal für einen Abschwung kommt bisher vom Weltmarktzweiten Dow Chemical in den USA, der für 2009 eine Rezession erwartet und diesen Begriff am Donnerstag auch verwendete. In Deutschland informieren die Branchengrößen diese Woche über das aktuelle Geschäft. Weltmarkführer BASF hatte im Sommer bereits härtere Zeiten in Aussicht stellt, zeigte sich aber grundsätzlich zuversichtlich. Dasselbe  gilt für den Branchenverband VCI. Er senkte trotz Zufriedenheit mit dem Ist-Zustand vor gut einem Monat seine Wachstumsprognose 2008. Für die kommenden Monate rechnet er mit schwächerem Wachstum, macht jedoch keinen Einbruch aus. Die Zahl der Arbeitsplätze war zuletzt stabil. Die Branche beschäftigt 440 000 Menschen in Deutschland.

* Maschinenbau

Für die deutschen Maschinen- und Anlagenbauer geht der längste Aufschwung seit den 60er Jahren zu Ende. Normalerweise dauert ein Boom in der Branche höchstens drei bis vier Jahre, dieses Mal waren es sechs. Die stark exportorientierten Maschinenbauer profitierten vor allem vom hohen Wachstum der Schwellenländer, aber auch von Sondereinflüssen. Vor allem im Jahr 2006 verschafften die schlechteren Abschreibungsbedingungen der Branche positive Effekte durch vorgezogene Investitionen.

Umso härter trifft nun der Abschwung die mit knapp einer Million Beschäftigten wichtigste Industriebranche Deutschlands. Die Auftragseingänge brechen zurzeit in prozentual zweistelliger Höhe ein. Noch sind nicht alle Industriezweige so stark betroffen. Die Werkzeugmaschinenhersteller etwa als Spätzykliker werden die rückläufigen Bestellungen voraussichtlich erst Mitte kommenden Jahres zu spüren bekommen. Dagegen berichten die Textilmaschinenbauer schon jetzt vom schlimmsten Einbruch seit dem Zweiten Weltkrieg. Und Druck- und Baumaschinen sind ohnehin schon seit Monaten kaum mehr gefragt. Allein Weltmarktführer Heidelberger Druckmaschinen schockierte die Anleger in diesem Jahr bereits mehrfach. Mit Produktionsverlagerungen ins Ausland und einem Stellenabbau versucht der Konzern nun gegenzusteuern.

Der Maschinenbau insgesamt wird dieses Jahr dennoch mit einem passablen Produktionsplus von fünf Prozent abschließen, denn ein Auftragsrückgang schlägt sich erst nach durchschnittlich sechs Monaten in sinkenden Umsätzen nieder. Für 2009 erwartet der Branchenverband VDMA jedoch nur noch eine stagnierende Produktion. Mindestens drei Jahre, so meinen manche Branchenexperten, könnte es dauern, bis ein neuer Aufschwung in Sicht ist.  (Kirsten Bialdiga)

* Stahl

Das hat es noch nie gegeben. Erstmals in seiner 42-jährigen Geschichte gab der Weltstahlverband im Herbst keine Prognose für das kommende Jahr ab. Mitte September hatte die Organisation einen Ausblick für 2009 erarbeitet – nur drei Wochen später erwies der sich jedoch als überholt. Nur soviel: der Stahlverbrauch werde 2009 etwas stärker wachsen als die Weltwirtschaft.

Auch der deutsche Stahlverband hält sich mit Prognosen für 2009 zurück. In diesem Jahr steige der Verbrauch hierzulande noch um 2,5 Prozent auf den Rekordwert von gut 43 Millionen Tonnen, hieß es.

Nach fünf Jahren rasanten Wachstums bekommen die Stahlhersteller damit die nachlassende Nachfrage der wichtigsten Kunden, der Autokonzerne, Maschinenbauer und der Bauindustrie zu spüren. In der Folge sank die weltweite Produktion im September um drei Prozent und damit zum ersten Mal seit vielen Jahren. Besonders stark fiel der Rückgang mit minus neun Prozent ausgerechnet in China aus, dem größten Stahlproduzenten der Welt. Experten führen dieses starke Minus allerdings auch auf Folgen der Werksstilllegungen während der Olympischen Spiele zurück.

Mit Produktionskürzungen weltweit steuern Stahlhersteller wie ArcelorMittal, Severstal oder JFE zurzeit gegen. Damit wollen die Konzerne verhindern, dass es wie in früheren Schwächephasen kurzfristig zu einem drastischen Preisverfall kommt. Mittel- und langfristig dominiert aber weiterhin der Optimismus. Wegen des großen Stahlbedarfs zum Aufbau der Infrastruktur in Schwellenländern erwartet etwa Konzernchef Lakshmi Mittal jährliche Zuwächse beim globalen Stahlverbrauch zwischen drei und fünf Prozent. (Kirsten Bialdiga)

* Automobilindustrie

Die Autobranche ist mit rund 750000 Beschäftigten eine der Schlüsselindustrien Deutschlands. Im vergangenen Jahr setzten deutsche Autohersteller, Lkw-Firmen und Zulieferer nach Zahlen des Branchenverbandes VDA insgesamt 290 Mrd. Euro um, ein Plus von sieben Prozent gegenüber 2006. Seit 1993 sind die Umsätze immer gestiegen. In diesem Jahr sieht es erstmals wieder nach einem Rückschlag aus. Gründe für den Abschwung sind die einbrechende Konjunktur in Europa und Nordamerika, schwächere Wachstumsraten in Schwellenländern wie China und Brasilien sowie hohe Benzinkosten, die Kunden vom Kauf eines Neuwagens abhalten. Der Abschwung  trifft Autofirmen weltweit. Die Umsätze gehen auf breiter Front zurück.

Daimler musste in den vergangenen Monaten bereits zweimal die Gewinnprognose für dieses Jahr kürzen. Auch BMW nahm das ursprüngliche Ergebnisziel für 2008 bereits zurück. Die eigenen Prognosen gekappt haben unter anderem auch Renault, PSA Peugeot Citroen, der Lkw-Hersteller Volvo oder zahlreiche Zulieferer wie Bosch, Continental und Leoni. Die Autoindustrie reagiert mit Sparkursen und verlängerten oder neu angeordneten Werksferien auf die Krise. Nahezu alle namhaften Hersteller von Daimler über BMW, Opel oder Ford drosseln bereits die Produktion. Zudem werden Verträge mit Leiharbeitern gekündigt oder nicht verlängert. Mit einer Besserung rechnet die Branche frühestens 2010. Einige Analysten rechnen mit tausenden Jobkürzungen im kommenden Jahr. (Oliver Wihofszki)

* Bauindustrie

Die Bauwirtschaft ist wahrscheinlich der letzte Wirtschaftszweig, der einen möglichen Abschwung zu spüren bekommen wird. Lange Laufzeiten der Projekte von der Planung bis zur Fertigstellung machten die Branche zum chronischen Konjunktur-Nachzügler.
Deshalb rechnet die Bauindustrie in diesem Jahr noch nicht mit spürbaren Einschränkungen. „Die Auftragsbücher sind rappelvoll“, sagte der Geschäftsführer des Hauptverbands kürzlich. Die Umsatzprognose von plus 4 Prozent auf 87 Mrd. E werde erfüllt. Die börsennotierten Bau-Konzerne Hochtief und Bilfinger Berger stachen vorige Woche mit höheren Gewinnprognosen und Aktienrückkäufen aus dem meist trüben Börsenbild heraus. Für 2009 erwarten Experten allerdings einen Rückfall der Branche in die Stagnation.

Dabei war der Aufschwung gerade erst am Bau angekommen. Umsätze und Aufträge steigen nach zehn Jahren steiler Talfahrt erst seit 2006 wieder. Der Beschäftigungsabbau war so radikal, dass jetzt die Fachkräfte fehlen. Deshalb sinkt die Zahl der Arbeitskräfte in diesem Jahr voraussichtlich erneut um 10.000 auf 703.000. 1995, auf dem Höhepunkt des Baubooms nach der deutschen Einheit, beschäftigte der Wirtschaftszweig noch 1,5 Millionen Menschen. Während sich Branchenriesen mit Erfolg ins Ausland und in den Aufbau des Servicegeschäfts flüchteten, blieb kleineren Firmen der Ausweg meist versperrt. Die daraus resultierende Pleitewelle ist inzwischen aber abgeebt.  (Michael Gassmann)

 

 

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