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…Spekulation

30. Oktober 2008

Die Börse kann turbulent sein, manchmal sogar unheimlich. In wenigen Tagen schoss der Kurs der Volkswagen-Aktie raketenhaft von etwa 200 auf knapp 1000 Euro. Mit realwirtschaftlichen Fakten hat das wenig zu tun. Vielmehr mit Spekulation.

Bei einer Spekulation (lateinisch speculari: beobachten, erspähen) wettet man auf ein bestimmtes Ereignis in der Zukunft, um daraus einen finanziellen Vorteil zu ziehen. Spekulanten auf Finanzmärkten investieren kurzfristig in Wertpapiere oder Optionen, um sie anschließend zu höheren Preisen zu verkaufen. Weil sie ein größeres Risiko tragen, erhoffen sich die Investoren üppigere Renditen als bei langfristigen Geldanlagen. Wer richtig liegt, streicht durch treffsichere Prognosen riesige Gewinne ein, andere verzocken ein Vermögen.

Porsche etwa profitierte von den steigenden Kursen der Volkswagen-Akie. Denn weil Porsche durch Aktien und Optionen über 74 Prozent der VW-Anteile beherrscht und das Land Niedersachsen weitere 20 Prozent am Autokonzern hält, sind nur noch knapp sechs Prozent im Streubesitz. Der Porsche-Konzern löste einen Ansturm auf die wenigen verfügbaren Aktien aus, als er am 26. Oktober bekannt gab, Volkswagen über einen Beherrschungsvertrag kontrollieren zu wollen.

Banken und Fonds hingegen, die auf fallende Kurse der Volkswagen-Aktie gewettet hatten, sollen Milliarden verloren haben. Durch sogenannte Leerverkäufe hatten sie sich VW-Aktien geliehen und gehofft, sie später günstiger kaufen zu können. Als diese Rechnung nicht aufging, mussten die Akteure die Titel am Markt teuer einsammeln.

Wie gut Anleger Entwicklungen vorhersehen können, hängt auch von der Qualität ihrer Informationen ab. Doch diese sind meist sehr ungleich verteilt: manche wissen mehr, viele weniger. Wer sich auf exklusive Informationen oder hervorragende Analysen verlassen kann, nimmt durch seine Spekulation nur vorweg, was ohnehin passieren wird.

Problematisch werden Spekulationen, wenn sie sich von realwirtschaftlichen Daten abkoppeln, die Warnzeichen aber von der Masse der Anleger übersehen werden. Die genährte Hoffnung auf schnellen Reichtum verführt dabei immer mehr Anleger, sich mit bereits überteuerten Wertpapieren einzudecken. Die Preise steigen scheinbar unaufhaltsam. Doch irgendwann wird den meisten klar, dass die Papiere oder Produkte gar nicht so viel wert sind. Neue Käufer bleiben aus, die Kurse brechen ein. Katerstimmung macht sich breit.

Solche Spekulationsblasen sind in der Wirtschaftsgeschichte immer wieder aufgetaucht – sei es bei Rohstoffen, Immobilien oder neuen Technologien. Sogar der Handel mit Tulpenzwiebeln entartete zum Spekulationsgeschäft. Angesichts riesiger Nachfrage wurden 1634 in Holland selbst Zwiebeln verkauft, die noch in der Erde waren. Käufer sicherten sich teure Optionsscheine auf Anteile. Die Preise wuchsen auf das über Fünfzigfache an, bis der Handel am 7. Februar 1637 plötzlich stoppte. Die meisten Händler wollten verkaufen, kaum einer mehr kaufen. Die Preise schrumpften um über 95 Prozent.

In der jüngeren Zeit hat sich vor allem der Crash von 1929 in die Chronik der Börsenökonomie eingebrannt. Am 24. Oktober, dem Schwarzen Donnerstag, kollabierten die Kurse an der New Yorker Börse und leiteten die Weltwirtschaftskrise ein. 1990 platzte die Aktien- und Immobilienblase in Japan: Die Währung Yen hatte in den Jahren zuvor enorm gegenüber dem Dollar aufgewertet. Investoren kauften vor allem japanische Aktien und Immobilien, um von der Wertsteigerung des Yen zu profitieren. Fast zwei Drittel des gesamten Weltimmobilienwertes vereinte sich damals in der Tokioter City. Die Situation eskalierte, als japanische Banken ihre Kredite mit den überteuerten Immobilien gegenfinanzierten, deren Preise jedoch schnell schrumpften. Die Banken blieben auf ihren Krediten sitzen. Es kam zu Insolvenzen, Deflation und einer stagnierenden Wirtschaft.

Gleich zu Beginn des neuen Jahrtausend erlebte die Welt ein weiteres spekulationsgetriebenes Börsenbeben. Im März 2000 platzte die Dotcom-Blase, bei der Anleger auf die Verheißungen des angebrochenen Internet- und Telekommunikationszeitalters gesetzt hatten. Auch viele Kleinaktionäre in Deutschland verloren ein Vermögen. Nur sieben Jahre später platzt die nächste Blase – und löst erst die Immobilienkrise in den USA und schließlich die weltweite Finanzkrise aus.

Auch Autobauer wie Volkswagen sind durch die schlechteren Konjunkturaussichten unter Druck geraten. Daran haben auch die jüngsten Kursexplosionen nichts geändert. Die Deutsche Börse hat nun Luft aus der Spekulationsblase bei der VW-Aktie gelassen und beschlossen, die Gewichtung des Papiers im Dax auf zehn Prozent zu senken. Der Kurs brach kurz danach zeitweise um rund die Hälfte auf 450 Euro ein. Großaktionär Porsche hatte zuvor Optionen auf VW-Aktien aufgelöst.

Sagen Sie, an den Börsen könnten Kurse zwar mitunter enorm steigen, doch würden sie als Spekulationsblasen platzen, wenn sie sich zu sehr von den realwirtschaftlichen Fakten entfernen.

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