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John Maynard Keynes – „Der Ball muss rollen“

14. Dezember 2008

Am 31. Dezember 1933 veröffentlichte John Maynard Keynes in der „New York Times“ einen offenen Brief an den US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt. Hier ist der Text.

Lieber Herr Präsident,

Sie haben sich zum Treuhänder all jener gemacht, die das Schlechte an unserer aktuellen Lage mit vernünftigen Experimenten im Rahmen des bestehenden gesellschaftlichen Systems lindern wollen. Scheitern Sie, wird der rationale Wandel weltweit schwer vorbelastet sein und das Schlachtfeld der Orthodoxie und der Revolution überlassen bleiben. Haben Sie jedoch Erfolg, werden allerorts neue und kühnere Methoden erprobt werden. Möglicherweise werden wir das erste Kapitel einer neuen Wirtschaftsära mit Ihrem Amtsantritt datieren. Dies ist Grund genug für mich, Ihnen meine Überlegungen vorzutragen, wenngleich benachteiligt durch die Entfernung und mein Halbwissen.
[…]
Sie haben sich zweierlei Aufgaben verschrieben: Erholung und Reform; Erholung von der Wirtschaftsflaute und die Verabschiedung von Wirtschafts- und Sozialreformen, die längst überfällig sind. Für die erste Aufgabe sind Geschwindigkeit und schnelle Erfolge von größter Bedeutung. Auch die zweite mag dringlich sein, aber Hast wäre ihr abträglich. Weisheit mit langfristiger Ausrichtung ist hier wichtiger als ein sofortiges Ergebnis. Den Schwung für langfristige Reformen gewinnen Sie, indem Sie das Prestige Ihrer Regierung durch Erfolge bei der kurzfristigen wirtschaftlichen Erholung erhöhen. Umgekehrt könnten auch noch so vernünftige und angezeigte Reformen den Aufschwung behindern und erschweren. Denn sie werden die Zuversicht der Geschäftswelt erschüttern und deren bestehende Handlungsantriebe schwächen, bevor Sie Gelegenheit hatten, diese durch andere Antriebe zu ersetzen. Ihr Verwaltungsapparat, den der traditionelle Individualismus der USA und das alte System der Ämterpatronage schwächen, könnte durch die Aufgabe überlastet werden. Und Reformen werden Ihre eigenen Gedanken und Ziele und die Ihrer Regierung verwirren, weil Sie zu viele Dinge gleichzeitig bedenken müssen.

Nur der Staat kann Impulse geben

Meine zweite Überlegung betrifft die Technik der Markterholung an sich. Ziel eines Aufschwungs ist es, die nationale Produktion zu steigern und mehr Männern Arbeit zu geben. In der modernen Wirtschaft werden Güter vorrangig für den Verkauf hergestellt. Das Produktionsvolumen hängt vom Ausmaß der zu erwartenden Kaufkraft im Verhältnis zu den Kosten ab. Allgemein gesprochen kann demzufolge die Produktion nicht gesteigert werden, solange nicht einer von drei Faktoren greift: Entweder müssen Individuen dazu gebracht werden, mehr von ihrem Einkommen auszugeben, oder Unternehmen müssen dazu animiert werden, die Einkommen ihrer Mitarbeiter zu erhöhen – sei es durch mehr Zuversicht in die Aussichten oder durch niedrigere Zinssätze. Dies geschieht dann, wenn entweder das Betriebskapital oder das gebundene Kapital des Landes erhöht wird. Oder, als dritte Möglichkeit, die öffentliche Hand wird zu Hilfe gerufen, um zusätzliche laufende Einkünfte zu schaffen, indem sie geliehenes oder frisches Geld ausgibt. In schlechten Zeiten kann man nicht erwarten, dass der erste Faktor in ausreichendem Maß funktioniert. Der zweite Faktor wird erst als zweite Angriffswelle auf die Flaute zum Einsatz kommen, wenn sich durch die öffentlichen Ausgaben das Blatt gewendet hat. Aus diesem Grunde können wir nur vom dritten Faktor einen größeren Impuls erwarten.
Zwei technische Irrtümer könnten die Politik Ihrer Regierung beeinflusst haben. Der erste bezieht sich auf die Rolle, die steigende Preise bei der Markterholung spielen. Steigende Preise sind zu begrüßen, stellen sie doch üblicherweise ein Symptom steigender Produktion und steigender Beschäftigung dar. Steigen Kaufkraft und Ausgaben, erwartet man mehr Produktion bei höheren Preisen. Da das Angebot ohne Preisanstieg nicht wachsen kann, ist es unerlässlich, zu gewährleisten, dass der Aufschwung nicht durch ein zu geringes Geldangebot gebremst wird.
Aber es finden sich deutlich weniger Argumente zugunsten steigender Preise, wenn diese zulasten eines Produktionsanstiegs herbeigeführt werden. Einigen Schuldnern mag das helfen, aber die nationale Erholung als Ganzes verzögert sich. Wird ein Preisanstieg durch eine vorsätzliche Erhöhung der Primärkosten oder eine Beschränkung der Produktion ausgelöst, ist dies weit weniger nützlich, als wenn höhere Preise das natürliche Ergebnis eines Anstiegs der nationalen Kaufkraft sind.
[…]
Es überrascht mich nicht, dass bis jetzt so wenig ausgegeben wurde. Unsere eigene Erfahrung in England zeigt, wie schwer es ist, kurzfristig nützliche Kreditausgaben zu bewerkstelligen. Geduldig müssen die vielen Hürden genommen werden, will man Verschwendung, Ineffizienz und Korruption vermeiden. Aber die Risiken der Langsamkeit müssen abgewogen werden gegen die der Hast.
Der zweite Irrtum, dessen Einfluss ich befürchte, erwächst aus einer kruden Doktrin, die allgemein als Quantitätstheorie des Geldes bekannt ist. Steigende Produktion und steigende Einkommen werden früher oder später einen Rückschlag erleiden, wenn die Geldmenge starr begrenzt ist. Einige scheinen daraus abzuleiten, dass Produktion und Einkommen gesteigert werden können, wenn man die Geldmenge erhöht. Aber das wäre so, als würde man sich, um dicker zu werden, einen größeren Gürtel kaufen. In den heutigen Vereinigten Staaten ist der Gürtel beileibe groß genug für den Bauch. Es führt absolut in die Irre, die Geldmenge zu betonen, da diese nur ein begrenzender Faktor ist. Der operative Faktor ist vielmehr das Ausgabenvolumen. […]
Kredite, Kredite, Kredite
Wenn Sie mich nach konkreten Vorschlägen für die unmittelbare Zukunft fragen würden, wäre meine Antwort folgende:
Aus den oben genannten Gründen nenne ich an erster Stelle ein hohes Maß an Regierungsdarlehen. Es steht mir nicht zu, bestimmte Empfänger auszuwählen. Es sollten aber diejenigen bevorzugt werden, die schnell großflächig zur Reife gebracht werden können, etwa die Wiederherstellung eines guten Schienennetzes. Es geht darum, den Ball ins Rollen zu bringen. Die Vereinigten Staaten sind bereit, in Richtung Wohlstand zu rollen, wenn sie in den nächsten sechs Monaten einen ordentlichen Schub erhalten.
An zweite Stelle setze ich die Notwendigkeit, reichlich günstigen Kredit bereitzustellen und die langfristigen Zinssätze niedrig zu halten. Die Wende in Großbritannien lässt sich zu großen Teilen darauf zurückführen, dass dieser Zinssatzes gesenkt wurde, nachdem die Kriegsanleihen erfolgreich umgewandelt wurden. Ich sehe keinerlei Grund, warum Sie den Zinssatz für langlaufende Staatsanleihen nicht auf 2,5 Prozent oder weniger senken und damit positive Folgen für den gesamten Anleihemarkt herbeiführen sollten, wenn doch nur die amerikanische Notenbank ihren aktuellen Bestand an kurzfristigen Staatsanleihen durch Titel mit langer Laufzeit ersetzte. Eine derartige Politik könnte innerhalb weniger Monate Wirkung zeigen, und ich messe ihr große Bedeutung bei.
Ich bin höchst zuversichtlich, dass diese Anpassungen oder Ausweitungen Ihrer bestehenden Maßnahmen zum Erfolg führen. Was würde das nicht bedeuten – nicht nur für den Wohlstand der Vereinigten Staaten und der ganzen Welt, sondern für die Tröstung des menschlichen Geistes, indem der Glaube in die Weisheit und Macht von Regierungen wieder aufgebaut wird!
 
Mit tiefem Respekt,
Ihr gehorsamer Diener
J. M. Keynes

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